Evanescence ist eine Band, die von Anbeginn für Diskussionen sorgte, als sie Anfang des Jahrtausends ihren kometenhaften Aufstieg vollzog. Gegründet von Amy Lee und Ben Moody 1995 entwickelten sie kontinuierlich als Duo ihren Stil, der dann – inzwischen mit John LeCompt, Rocky Gray und Will Boyd zu Fünft – mit dem Album ‚Fallen‘ 2003 den ersten Höhepunkt erreichte, der auch den endgültigen Durchbruch darstellte. Wohl jedem von uns sind noch die Songs ‚Bring me to Life‘ und ‚My Immortal‘ in Erinnerung, die ja auch im Soundtrack von Daredevil auftauchen. 2003 war aber auch das Jahr des ersten Umbruchs, Ben Moody verlies die Band, da sich Amy und er auseinanderentwickelt hatten. Er wurde von Terry Balsamo ersetzt. Zudem kamen die üblichen Diskussionen auf, zu welcher Kategorie nun Evanescence denn gehört. Amy die sich bereits überzeugend gegen die Zuordnung zur christlichen Rockszene widersetzt hatte, wies einfach diese Versuche zurück und schlussendlich ordnete die Band sich stilistisch dem ‚Alternative Rock‘ zu. Nach diversen weiteren Umbrüchen fanden sich Amy und Terry Balsoma in einer Formation mit Tim McCord, Will Hunt und Troy McLawhorn zusammen, die bis 2015 so bestand. 2015 verließ Terry Balsamo die Band und wurde von Jen Majura ersetzt, mit der ich kürzlich länger über das neue Album, Evanescence und mehr sprach.

The Bitter Truth ist das erste ‚richtige‘ Album, bei dem Jen voll eingebunden war, es stellt eine epische Sammlung inspiriert von Kampf, Verlust und der Bewältigung der oft bitteren Realität des 21. Jahrhunderts und der Welt, in der wir leben, dar. Und es ist erste Longplayer seit zehn Jahren, seit Sängerin Amy Lee Mutter geworden ist – ist eine Rückkehr zu alter Kraft – und ein großartiges Rock Album.  Jen erzählte bei unserem Gespräch über die Produktion und darüber, was für sie besonders war: „ Ein Song, der mir persönlich sehr viel bedeutet ist “Broken Pieces Shine”, da er ein sehr emotionales Thema bedient und mir sehr viel bedeutet. Im Februar haben wir in Nashville die ersten 4 Songs aufgenommen, nachdem ich direkt von der NAMM Show in Los Angeles zu Amy und den Jungs ins Studio geflogen bin. Danach kam die große Pandemie und ich habe meine Band seither nicht mehr gesehen. Die weitere Albumproduktion lief daher digital ab. Unser Produzent hat mir die Files geschickt, ich habe hier in Deutschland in meinem Homestudio meine Gitarrenspuren aufgenommen und diese zurück nach Nashville geschickt. Als ich bei “Better Without You” nicht wusste, was ich zu dem Song, der meiner Meinung nach bereits perfekt klang, sagte Amy “Sing!” zu mir und letztendlich durfte ich auf 90% des Albums backgroudnvocals singen, was in der Geschichte von Evanescence Alben zum aller ersten Mal der Fall war, da bisher alle Vocals ausschließlich von Amy stammen.“

Allerdings sollte hier gesagt werden, dass es nicht das erste Album war, an dem Jen mitwirkte, für das 2017-er Album ‚Synthesis‘ gingen Leadsängerin und Pianistin Amy Lee, Bassist Tim McCord, Schlagzeuger Will Hunt, Leadgitarrist Troy McLawhorn und Gitarristin und Backgroundsängerin Jen Majura gleichzeitig neue wie altbekannte Wege und schufen damit ihr bisher ambitioniertestes Werk. Das symphonische Album führte die Band auf große ‚Synthesis Live‘ Tour, auf der sie von einem klassischen Orchester begleitet wurde. Aber es war halt kein neues Album.

Doch wie kam Jen Majura zu Evanescence, es ist ein der schönen Geschichte und großartigen Zufälle, die unsere Branche auszeichnen, sie erzählt: „Als ich damals mit einer Band auf 2 Festivals am Wochenende spielte, waren ebenfalls Testament auf dem Billing und ich kam mit Alex Skolnick ins Gespräch. Einige Tage später schrieb er mir eine E-Mail, dass sich Freunde von ihm bei mir melden würden und es etwas wäre wozu ich “JA!” sagen sollte. Es dauerte nur 1 Woche und ich saß mit Amy Lee in New York im Café und wir verbrachten 3 Tage miteinander, um uns kennenzulernen. Der Rest ist Geschichte …“

Amy’s Entscheidung ist auf jeden Fall zu verstehen, Jen ist nicht nur ein sehr liebenswerter und offener Mensch, sie ist – das hört sie nicht gern – für mich auch eine der herausragenden zeitgenössischen Gitarristen*innen. Sicher auch ein Grund über ihre Instrumente zu sprechen: „Ich bin Vollblut Ibanez Gitarristin seit Jahren und bin stolz mit fantastischen Musikern wie Steve Vai oder auch Paul Gilbert u.v.m. Markenbotschafterin sein zu dürfen. Als Gitarrenverstärker spiele ich Synergy Amps, die mich sehr flexible und vielfältig sein lassen. Das Prinzip Pre-amp Module auszutauschen ist zwar nicht neu, aber Synergy Amps haben es perfektioniert und arbeiten mit Lizenzen mit den Originalfirmen zusammen.

Zurück zu ‚Bitter Truth‘ – bisher konnten mich alle Alben von Evanescence überzeugen, aber ‚Bitter Truth‘ bedeutet eine nochmalige Steigerung im großartigen Werk von Evanescence. Mal hymnisch, mal rockig, mal innig, dann fast schon balladesk, getrieben und getragen vom Gesang und den Lyrics Amy Lees, ein Album, das definitiv zu den Alben dieses Jahrzehnts gehören wird. Doch lassen wir auch Amy einmal zu Wort kommen:

„Der Titel „The Bitter Truth“ spiegelt auf einer Ebene die Welt wider, in der wir heute leben. Im festen Glauben, dass wir uns der Realität stellen müssen; so hässlich oder schwierig es auch sein mag. Es muss weitergehen. Außerdem gibt es noch eine eher nach innen gerichtete Interpretationsweise: Es kann keine Heilung geben, bevor man sich nicht dem Schmerz gestellt hat. Für mich bedeutet die bittere Wahrheit, dass das Leben kurz ist und ich mich dafür entscheide, meine Zeit nicht zu verschwenden. Unsere Sterblichkeit wurde uns gerade neu vor Augen geführt. Genau der Treibstoff, mit dem wir unser persönliches Feuer nach der Pandemie, dem Lockdown und während wir 2020 dieses Album aufgenommen haben, lodern lassen. Wir haben entschieden, uns von nichts und niemandem aufhalten zu lassen. Wir würden nicht abwarten, bis sich die Dinge in der Welt von selbst regeln. Wir würden uns nur darauf konzentrieren, das Album erfolgreich zu beenden, dass wir begonnen hatten. Neue Wege zu finden, weiterzumachen. Unsere eigenen Videos aufzunehmen, was auch immer dazu nötig war. Es war wahnsinnig schwer, doch diese Musik zu haben, bedeutete ein unglaublich lebensbejahendes Ventil für mich und alle anderen in der Band. Ein Medium, mit dem wir unsere Frustration verarbeiten konnten, unsere Wut, unsere Trauer und auch unsere Liebe, um letztendlich eine eigene Welt zu erschaffen, über die wir selbst die Kontrolle hatten.“ Dem ist, glaube ich, nicht viel hinzuzufügen, hört Euch dieses Album an und ihr werden begeistert sein!

Videos:

Wasted On You: https://www.youtube.com/watch?v=4bvQHrMnxUw

‘The Game Is Over’: https://www.youtube.com/watch?v=jJEZgUjjZqM

‘Use My Voice’: https://www.youtube.com/watch?v=1KAa5woluuM

‘Yeah Right’: https://www.youtube.com/watch?v=xbfFKJMdDQ8

‚The Bitter Truth‘: https://www.youtube.com/watch?v=IUCF50ByaaM

Weitere Infos:

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