Fotos: © Sabine Chamberlain (Reisinger) / © Gerlind Klemens (Röhl) / Piper Verlag

Der Missbrauch in der Katholischen Kirche und das System Ratzinger

Doris Reisinger und Christoph Röhl schildern seriös und souverän, aber vor allem unverblümt, in ‚Nur die Wahrheit rettet‘ die schockierende Rolle, die Joseph Ratzinger in Fragen der Kirchenreformen und der Vertuschung des Ausmaßes der weltweiten Missbrauchsfälle.

Ratzinger Galt jahrelang als Hoffnungsträger für die katholische Glaubenswelt. Schon als junger Geistlicher wurde er fälschlicherweise als Rebell eingestuft, der öffentlich dem Pabst widersprach. Doch gab es wirklich einen Riss in seiner Biographie, die ihn zu dem knüppelharten Inquisitor werden ließ, als den er sich dann letztendlich outete? Der heute sagt: ‘Was sich nicht dem Pabst unterwirft, sei keine Kirche im eigentlichen Sinn“.

Schon Anfang der sechziger Jahre wuchs das Verlangen des katholischen Volks nach Reformen, aber vor allem nach Öffnung der Kirche für Frauen. Auf dem Konzil, das Pabst Paul VI einberief, rangen die Kardinäle für und gegen eine Erneuerung. Auch Ratzinger nahm an dem Konzil teil, als Assistent Meissners. Er war maßgeblich am Scheitern der Reformen beteiligt. Denn sein Traum von Kirche drohte zu scheitern. Makaber jedoch ist, dass er eine der wenigen Reformen, die das Konzil hervorbrachte, konsequent und aufsässig missachtete. Denn die Glaubenskongregation (Inquisition), der er als Präfekt von 1982 – 2995 vorstand, sollte eine weniger machtvolle Position innehaben. Ein schönes Beispiel, nach welcher Wertigkeit und Reihenfolge er seine Fälle bearbeitet ist das Folgende. Während sich die Fälle sexuellen Missbrauchs seiner Priester jahrelang unbeantwortet auf seinem Tisch stapelten, wird die Bitte nach ‚Glutenfreien Hostien‘ als dringend eingestuft. Zu klären, dass diese als ‚ungültige Materie‘ gelten und damit ein Missbrauch der Liturgie seien, war ihm wichtiger.

Auch, wenn Ratzingers Glaube, als der eines ‚kindlichen Gemüts‘ beschrieben wird, so lässt sein Handeln doch eher auf sexuelle Verklemmtheit schließen. ‚Sexueller Missbrauch‘ wird von ihm als ein Verstoß gegen das sechste Gebot (Du sollst nicht Ehebrechen). – Also war er doch schwul, unser Jesus Christ Superstar, oder mit wem sind Priester den sonst verheiratet? – Was bedeutet denn das Zölibat, wenn Priester die Ehe brechen können?

Das Wahren der Dogmen und der Liturgie, also der uralten Zöpfe, steht bei ihm über allem. Während er schützend seine Hand über die Täter hielt, fehlte ihm für die Opfer jegliche Empathie. Nur widerwillig stimmte er nach jahrzehntelanger Vertuschung, der Meldung solcher Straftaten an die zivile Gerichtsbarkeit zu. Die aber nur, weil der öffentliche Druck und der Druck aus den eigenen Reihen übermächtig wurden. Für Ratzinger gilt als oberste Maxime, Schrift und Dogmen müssen über alle Zeiten unverändert bestehen, so veränderte sich in seiner eigenen kleinen beschränkten Kirchenwelt überhaupt nichts. Denn ‚Gerettet werden kann nur, wer in der Wahrheit bleibt‘.

Na denn, Ratzinger, viel Spaß demnächst in ihrem verlogenen Kirchenhimmel.

Piper Verlag

Hardcover mit Schutzumschlag

352 Seiten, 22,- €

EAN 978-3-492-07069-0

Doris Reisinger (geb. Wagner) war acht Jahre lang Mitglied einer fundamentalistischen katholischen Gruppe, mit der Ratzinger eng vertraut war. Heute ist die Philosophin und Theologin Bestsellerautorin und hat unter anderem zu sexuellem und spirituellem Missbrauch in der katholischen Kirche geforscht und geschrieben.

Christoph Röhl, Jahrgang 1967, ist ein britisch-deutscher Filmregisseur. Sein Dokumentarfilm “Verteidiger des Glaubens” (2019) setzt sich kritisch mit Joseph Ratzingers Wirkung auf die katholische Kirche in den letzten 60 Jahren auseinander und löste eine große mediale Debatte aus. 2014 ehrte Königin Silvia von Schweden Christoph Röhl mit dem World Childhood Foundation Award 2014 für hervorragende Leistungen im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in Deutschland.