Ein Blick in die Zukunft der Malediven kann bei den aktuellen Prognosen zur Klimaerwärmung nur dystopisch ausfallen. Auf ein Wunder, das diesen paradiesischen Inselstaat im Indischen Ozean rettet, ist kaum noch zu hoffen. Roman Ehrlichs Blick, den er in seinem Roman ‚Malé‘ meisterhaft inszeniert, ist leider realistisch düster, auch wenn er surreal und sphärisch anmutet. Die schrägen Charaktere und die Kulisse der sinkenden und vor sich hin modernden Hauptstadt Malé vermittelt absurdes Theater in brillant literarischer Kunst verpackt.

Wegen des steigenden Wasserspiegels und zunehmender Unwetter haben die meisten der Ureinwohner die Inseln bereits verlassen. Eine Gruppe militanter Piraten, die ‚Die Eigentlichen‘ genannt wird, kontrolliert das Gebiet. Ihr Hauptstützpunkt ist ein gekapertes Kreuzfahrtschiff. Und doch ist Malé, vielleicht auch wegen der Morbidität zum Magnet und Hoffnungsträger für Menschen aller Art geworden. Ein bisschen wie Westberlin zur Zeit der Teilung, wird Male ähnlichen Inselerwartungen von Suchenden bereist und besiedelt, die der Gesellschaft mit all ihren Repressalien und Erwartungen den Rücken zukehren, in der Hoffnung zu sich selbst zu finden. Fast alle sind gleich auf der Insel. Die Ausnahme ist ein kauziger alter Mann. Professor wird er genannt. Er residiert über dem ‚Blauen Heinrich‘, einer Kneipe, die der Haupttreffpunkt der Insel ist. Der Professor gehört noch der ersten Gruppe an, die anarchistisch motiviert war, als sie sich auf der Insel niederließen. Er ist belesen, spricht mehrere Sprachen fließend und er ist der Mittelsmann zu den ‚Eigentlichen‘. Alle Neuankömmlinge müssen zunächst einmal bei ihm vorsprechen. Da absehbar ist, dass er bald das Zeitliche segnet, löst diese Position Begehrlichkeiten unter einigen Frauen aus. Elmar Bauch gehört nicht zu den Aussteigern. Er ist auf Male, weil er mehr über den Tod seiner Tochter Mona erfahren möchte. Seine Tochter war eine berühmte Schauspielerin. Frances Ford, eine amerikanische Literaturwissenschaftlerin, ist auf der Suche nach Judy Frank, der zur gleichen Zeit verschwand wie Mona, dessen Leiche aber nie gefunden wurde. Gerüchte machen die Runde, dass die FERETAS, dämonische Katzenwesen, wieder ihr Unwesen treiben. Bis zum 12. Jahrhundert beherrschten dies die Inseln. Ein Islamist verscheuchte sie mit einem Koranspruch. Die Finsternis beherrscht Male und die Sonne weicht den Mond  Luna, das vorherrschende Licht

Verlag: S. FISCHER

288 Seiten, 22,- €

ISBN: 978-3-10-397221-4

Roman Ehrlich, geboren 1983 in Aichach, aufgewachsen in Neuburg an der Donau, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Freien Universität Berlin. Bislang sind von ihm die Bücher ›Das kalte Jahr‹ (2013), ›Urwaldgäste‹ (2014), ›Das Theater des Krieges‹ (2017, mit Michael Disqué) und ›Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens‹ (2017) erschienen.