Peter Seewald ist ein brillanter Autor. Allein die gesellschaftspolitische Kulisse, die er in dieser Biografie beschreibt, ist es Wert, dieses Buch zu lesen. Seewald ist in seinen Schilderungen ernsthaft bemüht, ein vermeintliches Trugbild des Jsef Ratzingers ins rechte Licht zu rücken. Weltweit habe de Presse auf ihn eingedroschen, vor allem aber die Deutschen.

Sorry, aber wer sich in eine solche Position erheben lässt, sollte damit rechnen, dass nicht alle Menschen Beifall klatschen. Vor allem nach der eindeutig ignoranten Haltung, mit der Ratzinger auf die weltweiten Missbrauchsskandale reagierte. Es nutzt im Nachhinein auch nichts mehr, aufzulisten, welche Maßnahmen er ergriffen habe, um den angerichteten Schaden zu beheben. Letztendlich sind aus den geplanten Brücken, die er vorhatte zu bauen, doch eher Mauern geworden und dass nicht nur während seiner Amtszeit. Schon während des II. Vatikanischem Konzil, das Johannes XXIII einberief, stieg Josef Ratzinger massiv auf die reformbremse. Auf dem Programm stand außer der Ökumene noch die Reform des sittlichen Lebens im Klerus, die Neuordnung der römischen Kurie und die Abschaffung des Zölibats, sowie die Öffnung der Kirche für Frauen n kirchlichen Ämtern. Schon zu dieser Zeit gab es also einen Pabst der diese Reformen vorantreiben wollte. Josef Ratzinger war zu dieser Zeit noch kein Kardinal, hatte aber in seiner Funktion des Beraters von Kardinal Frings, die Möglichkeit der Einflussnahme. Ratzingers stärkste Waffe war dabei sein messerscharfer Verstand. Er schrieb die reden für Kardinal Frings und scharte so immer mehr Reformgegner um sich und seine Gruppe. Damit spaltete er damals schon das II. Vatikanische Konzil und das aus einer sehr unbedeutenden Position heraus. Noch heute spaltet er die Kirche weiterhin, auch, wenn er nur „Ex-Pabst“ ist, hat er immer noch nicht abgedankt. Denn er zog sich nicht, wie vereinbart ins Private zurück, um seinen wohlverdienten Ruhestand zu genießen. Nein, er zieht auch weiterhin an seinen manipulativen Strippen, die wegen seines brillanten Verstandes immer noch Wirkung zeigen.  Wenn es sein ziel wäre, das Volk zu den Wurzeln des Glaubens zurückzuführen, dann frage ich mich, was bitte das Zölibat damit zu tun hat? Weder in den Lehren Jesus noch in anderen frühen Schriften findet dieses eine Erwähnung. Die Kirche führte es vielmehr erst im Mittelalter ein, um zu verhindern, dass der Nachlass verstorbener Priester an Ehefrauen oder Kinder vererbt werden konnte, der Kirche ging es eben damals wie heute in erster Linie um den schnöden Mammon. Auch die Vatileaks-Affäre behandelte er nicht mit der vom Volk erwarteten Gründlichkeit. Da wird ein etwas geistig unterbemittelter Butler der Auslösung einer solchen Krise bezichtigt. Er soll dies im Alleingang geschafft haben, obwohl er angibt, einer Gruppe angehört zu haben, die wegen der im Vatikan vorherrschenden Heuchelei sich zur Aufklärung entschlossen hatte. Zur gleichen Zeit wird auch bekannt, dass sich Mitglieder der Kurie in einer Villa in der Nähe Roms und in anderen Räumlichkeiten zur Ausübung ihrer homosexuellen Neigungen getroffen haben. Die Räumlichkeiten würden nur diesen zwecken dienen. Der Skandal um die Vorwürfe der Geldwäsche, die nicht nur die Vatikanbank betrafen, sondern auch andere kirchliche Geldhäuser wie beispielsweise die Bank der Steyler Missionare in St. Augustin, die gerne auch mal das Netzwerk der Mutterkirche nutzte vollendet diese Serie. Die Zustände im Vatikan selbst, aber auch in den Orden, die ihm direkt unterstehen (wie zum Beispiel die Jesuiten oder die Steyler Mission) nur als mafiös zu bezeichnen ist fast schon geschmeichelt. Die Mafia hat zumindest Kindern gegenüber einen Ehrenkodex und sie begeht ihre Verbrechen auch nicht in Gottes Namen. In einer Freiburger rede vom Jahre 2011 appelliert Ratzinger, sich nicht vom Menschen abzuheben, sondern von macht, Mammon, Kumpanei, vom falschen Schein, Betrug und Selbstbetrug. Also genau von den Inhalten, die er in der römisch-katholischen Kirche massiv als Programm begünstigt hat. Zugegeben, Ratzingers rasantes Erklimmen des Kirchenolymps ist schon beeindruckend, denn es wurde ihm nichts geschenkt und er kam von ganz unten. Schmächtig, schüchtern und menschenscheu, aber blitzgescheit, so wird er beschrieben. Mit seinem Körper konnte er nie so recht etwas anfangen und war eine absolute Niete im Sport. Also liest er Bücher, während andere Jungs in seinem Alter Fußball spielen. Auch die Seelsorge gehörte nie zu seinen Steckenpferden. Wenn Körper und Seele so im Missklang stehen, dann bleibt halt nur der Geist. Seine stärkste Waffe konditionierte er mit all seiner Kraft und diese ebnete im schließlich auch den Weg an die Spitze der röm.-kath. Kirche. Doch, hat sich die ganze Plackerei und weltlicher Verzicht für ihn gelohnt? Auf mich macht er auch im Alter von 93 Jahren nicht den Eindruck, als abe er sein Ziel erreicht. Obwohl er schon als Kind den Berufswunsch Kardinal nennt, scheint ihm seine jetzige Position nicht so recht zu behagen. Er ist nur Beipart von Franziskus, dem er schon vor seinem Amtsantritt Unterwürfigkeit schwört. Wobei wir dann bei den aktuellen Ereignissen sind. Während Franziskus die Lockerung des Zölibates zumindest im Amazonasgebiet in Aussicht stellt, schreit das Ratzinger-Lager auf. Nach Unterwürfigkeit hört sich das sicher nicht an, sondern klingt eher nach Kindergarten auf höchster Ebene. Wie war das noch mit den Wegen des Herrn? Da kommt Mensch aus dem staunen nicht heraus …

Droemer HC

1184 Seiten, 38,- €

ISBN: 978-3-426-27692-1

Peter Seewald, Jahrgang 1954, arbeitete als Journalist für den STERN, den SPIEGEL und das Magazin der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und ist einer der erfolgreichsten religiösen Autoren Deutschlands. Seine Gesprächsbücher “Salz der Erde”, “Gott und die Welt”, “Licht der Welt” und “Benedikt XVI – Letzte Gespräche” (Droemer 2016) waren internationale Bestseller. Peter Seewald ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in München.