Ich hatte selten während des Lesens eines Buchs so viele Deja-Vu’s (bin Jahrgang 57 & Linkshänderin). Oskar Roehlers unverhohlen sarkastischer Blick auf die Nachkriegszeit und insbesondere das ‚Wirtschaftswunder‘ streichelt fast tröstend meine aus dieser zeit zerschundene Seele. Der wild wuchernde Kapitalismus, der die Erwachsenen dieser Welt binnen kürzester Zeit zu blind konsumierenden Marionetten werden ließ, hatte eben keinen Raum für die Sorgen der Kinder. Es ist eine Gesellschaft, die stur und ausschließlich auf von der Wirtschaft deklarierte Statussymbole ausgerichtet ist. Doch in den schulen gilt noch der Jahrhunderte alte Drill, bei dem bedingungsloser Gehorsam über allem steht du sehr oft mit Gewalt durchgesetzt wird.

Roehlers Hauptfigur ist ein kleiner Junge, der mit einer Aussiedlerfamilie in ein kleines Dorf im Frankenland gerät. In einer Siedlung am Rande des Dorfes errichtet sich die Familie unter großen Entbehrungen ein Häuschen. Auch die meisten Nachbarn sind Aussiedler. Von den Dorfbewohnern verachtet und ausgestoßen, rotten sich die Kinder zu einer Gruppe Gleichgesinnter zusammen. Ihr Spielplatz ist eine verlassene Baugrube, aus der sie in jahrelanger, schweißtreibender Arbeit eine riesigen Lehmhaufen schaufeln. Ein Vater eines der Kinder nimmt sich ihrer an. Er lädt sie zu sich auf die Veranda und rezitiert aus den Werken von Keats, Mann, Poe – begleitet von klassischer Musik. Auch die Kunst bringt er ihnen nahe. Der Nachbar wird zum geistigen Mentor, nicht nur für den kleinen Jungen. Es schweißt die Gruppe über viele Jahre zusammen. Doch jene Künstler, die der Nachbar so bewundernd rezitiert, sind allesamt Gesellschaftskritiker. Dies lässt die Kinder schon in jungen Jahren zu Außenseitern werden. Die Wertigkeit ihrer Idole macht einsam. Die Einschulung lässt den Jungen erwachen. Er ist Linkshänder und so versucht seine Lehrerin, eine sadistische, stinkende alte frau, ihm das rechtshändige Schreiben mit brutaler Gewalt beizubringen. Der Junge wehrt sich, bricht aus dem System aus, das so wenig seiner Erwartung entspricht.  Doch die Gegenwehr in der Schule hat Folgen. Kurze Zeit später erscheint ein Mann im haus der vermeintlichen Eltern. Er behauptet, er sei der richtige Vater. Völlig aus der Bahn geworfen landet der Junge in Westberlin, fern von seinen freunden und der Baugrube. Das einzige, das ihn noch antreibt, ist der Wunsch Schriftsteller zu werden.

Ullstein Hardcover

176 Seiten, 23,- €

ISBN: 9783550200380

Oskar Roehler, geboren 1959, ist Schriftsteller und Regisseur. Seine Romane erscheinen seit 2011 bei Ullstein. Oskar Roehler ist verheiratet und lebt in Berlin.