Eine passendere Lektüre kann Mensch sich in den Zeiten unserer Corona Pandemie kaum vorstellen. Patrick Deville nimmt seine sein Leidenschaftliches Interesse am Leben des legendären Franko-Schweizers Alexandre Yersin zum Anlass, daraus eine farbenfrohe, vielschichtige und lehrreiche Geschichte zu inszenieren. Er beleuchtet dabei nicht nur die politische Entwicklung Kerneuropas Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts, sondern auch deren Einflüsse in den jeweiligen Kolonien.

Alexandre Yersin, der von 1863 bis 1943 lebte, führte das Leben eines brillanten Autodidakten, es kreiste keineswegs nur um die Mikrobiologie, für die er bekannt wurde. In der Schweiz geboren, studierte er im langweiligen Marburg und verliebte sich dann in Paris. Nicht, wie Mensch jetzt denken könnte, in eine Frau, sondern in die Arbeiten und Forschungen Louis Pasteurs. Schon bald gehörte er der kleinen, intimen Bande um ihn an. Der Durchbruch für ihn ist der Sieg im Wettlauf um einen Impfstoff gegen die Diphterie, bei dem er das Berliner Robert Koch Institut hat alt aussehen lassen. Der ewige Kampf zwischen dem deutschen Institut und den Franzosen zieht sich durch sein ganzes Forscherleben. Schon nach wenigen Jahren in Paris lockt ihn das Meer. 1890 heuert er als Schiffsarzt auf einem Schiff nach Asien an. Manila-Saigon soll seine erste Route sein. Vom Land angelockt, wechselt er zur Küstenschifffahrt und entdeckt sein Talent als Kartograph. Während dieser Fahrten entdeckt er sein persönliches Paradies. Der kleine Ort Nha Trang wird Yersins Lebensmittelpunkt, zu dem er bis zu seinem Tod immer wieder zurückkehrt. Der Pariser Truppe um Louis Pasteur fühlt er sich jedoch nach wie vor verpflichtet. Auch wenn sich seine Forschung mittlerweile dem Landesinneren, der Botanik, neuen Transportwegen und der Tierwelt widmet, reist er regelmäßig nach Paris. In China bricht eine neue Pestepidemie aus. Yersin reist nach Hongkong und kann den Pest-Erreger isolieren. Auf recht unkonventionelle Weise wird ein Impfstoff daraus entwickelt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Simond stellt er durch Beobachtungen fest, dass es nicht die Juden, sondern die Flöhe der Ratten sind, die die Seuche übertragen.  Wundervoll begleitet wird diese Geschichte von der letzten Fahrt die Yersin mit dem ‚kleinen weißen Wal‘ der Air France von Paris zurück nach Nha Trang unternimmt. Er ist zu diesem Zeitpunkt 77 Jahre alt und lässt sein Leben Revue passieren. Dabei ist er mit sich selbst im reinen, denn sein großer Hunger nach Wissen und Forschung ist weitgehend gestillt.

Unionsverlag

Taschenbuch

240 Seiten, € 12.95

ISBN 978-3-293-20775-2

Patrick Deville, geboren 1957, studierte Vergleichende Literaturwissenschaften und Philosophie in Nantes und arbeitete dort anfänglich als Dozent. Er lebte in den 1980er Jahren im Nahen Osten, in Nigeria und Algerien. In den 1990er Jahren besuchte er Kuba, Uruguay, Mittelamerikanische Staaten und Staaten des ehemaligen Ostblocks. Er gründete und leitet die »Maison des écrivains étrangers et des traducteurs« und deren Zeitschrift Meet. Seine Werke wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem als »bester Roman des Jahres« der Zeitschrift Lire, mit dem Fnac-Preis und dem Prix Fémina.