Bestechend ehrlich und erschreckend nah an der Wirklichkeit beleuchtet Anika Decker mit bekannt beißendem Humor gleich mehrere Gesellschaftliche No-Goes. Jeder von uns weiß mittlerweile, wie marode unser Gesundheitssystem ist, doch in ‚Wir von der anderen Seite‘ schildert sie den ‚worst case‘, den sicherlich nur wenige von uns wirklich erleben mussten. Und das penetrant penibel garniert mit Anika Deckers einzigartig, grottenschwarzen Humor. Auch der Glamour der Filmbranche bekommt hier den ein oder anderen Riss, großartig inszeniert.

Rachel ist eine ziemlich erfolgreiche Drehbuchautorin. Auch wenn das finanzielle Jonglieren in dieser Branche eher einer Achterbahnfahrt gleicht, fühlt Rachel sich berufen. Sie genießt das Leben in vollen Zügen. Mit ihrem langjährigen Freund Olli, einem eher durchschnittlich erfolgreichen Patentanwalt fühlt sie sich pudelwohl und wunderbar geerdet. Doch ausgerechnet am Weihnachtsabend, den sie im Kreise ihrer liebevoll schrägen Familie verbringen möchte, wird sie von einer Nierenkolik überrascht, die ihr leben grundlegend verändern wird. Der Arzt, völlig überfordert, der sie in der Notaufnahme untersucht, in die die Eltern sie bringen, übersieht den Nierenstein. Da Rachel sich zugegebenermaßen etwas overdressed präsentiert, tippt dieser auf psychische Probleme und schickt sie wieder heim. Das hat zur Folge, dass sie wenige Stunden später mit multiplen Organversagen zurück in die Klink kommt. Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden. Sie fällt ins Koma. Die Ärzte haben kaum noch Hoffnung. Doch Rachel kämpft und siegt. Nach 10 Tagen Koma öffnet sie die Augen und kehrt im Kreis ihrer lästerhaft humorigen Familie ins Leben zurück. Was dem folgt sind qualvolle Phasen zurück in die Normalität. Das Koma löste eine retrograde Amnesie aus, sodass sie glaubt, ihr Freund Olli sei immer noch mit ihr liiert. Da sie dies emotional so empfindet, kommt Olli zu ihr ans Krankenbett und spielt genau diese Rolle. Nach Monaten des Kampfes tauchen immer mehr Details und Momente aus der Zeit vor dem Koma in ihrem Gedächtnis auf. Irgendwann erkennt sie, dass die Beziehung, die Olli ihr vorspielt, nur noch für sie existiert. Ein Schamane eröffnet ihr einen Weg aus der Krise. Sie löst sich aus all den Lügen, dem Schall und Rauch und geht humorvoll den Weg des ‚Narren‘ den sie, laut des Schamanen verkörpert. Doch im Narren findet sie die Identität, die sie stärkt und mit der sie sich identifiziert.

Ullstein Hardcover

384 Seiten, 20,- €

ISBN: 9783550200373

Anika Decker, geboren 1975 in Marburg, lebt und arbeitet als Drehbuchautorin und Regisseurin in Berlin. 2007 gelang ihr mit ihrem Drehbuchdebüt Keinohrhasen der Durchbruch, der Film zählt zu den 15 erfolgreichsten deutschen Filmen aller Zeiten. Danach folgte das Drehbuch zu RubbeldieKatz, was auch ein großer Publikumserfolg war. 2015 debütierte Anika Decker als Regisseurin, der Film Traumfrauen nach eigener Vorlage war eine der erfolgreichsten Kinoproduktionen des Jahres. Darauf folgte ihre zweite Regiearbeit High Society, die auf Anhieb auf Platz eins der Kinocharts landete. Wir von der anderen Seite ist Anika Deckers erster Roman.