Sensibel und facettenreich beschreibt Michael Kraske die politisch aufgeheizte Lage im Osten unseres Landes, vor allem aber in Sachsen.

Michael Kraske weiß, wovon er spricht. Seit vielen Jahren bereist er den Osten Deutschlands. Er hält Vorträge und interviewt sowohl die Menschen aus dem Volk als auch Politiker. Er liest dabei akribisch zwischen den Zeilen. Seine Recherche zur Ursache von Wut, Gewalt, Fremdenhass und dem Wiedererstarken des Faschismus sind vielfältig und reichen weit Zurück in die Vergangenheit. Das Versagen der CDU in dem von ihr regierten Sachsen, wo bereits vor über 20 Jahren die ersten Tendenzen sichtbar wurden, wird klar herausgearbeitet. Werden zum Beispiel die die Berichte über die Übergriffe in Heidenau-Freital oder Meißen betrachtet und in Relation mit den daraus erfolgten juristischen Maßnahmen gesetzt, so könnte der Eindruck aufkommen, dass Sachsen nicht den Gesetzen der Bundesrepublik unterliegt. Da wird vertuscht, verniedlicht und letztendlich gelogen. Die „schonungslose Aufklärung“ der Morde, die durch das NSU-Trio begangen wurden, ist ein Musterbeispiel für diese Bereitschaft zur Aufklärung. Doch dieses Buch fragt auch nach den Ursachen für dieses grausame Spektakel.

  1. Schon zu Zeiten der DDR gab es nachweislich Übergriffe auf Ausländer. Obschon es nur ein Anteil von ca 1% der Bevölkerung war, der aus Osteuropa, Mosambik oder Kuba kam, fühlten sich teile des ostdeutschen Volkes offenbar davon bedroht. Schon die damalige Regierung versäumte es, über fremde Kulturen aufzuklären. Die westdeutschen Neonazis Christian Worch und Michael Kühnen hatten daher ein leichtes Spiel ihr faschistisches Gedankengut den so gesonnenen Ostdeutschen zu vermitteln.
  2. Welch ein gewaltiger Kulturschock das Ereignis des Mauerfalls für jeden einzelnen Ostdeutschen war, wurde von den meisten Politikern unterschätzt. Der alten Wertigkeit beraubt, ohne Job und Perspektive sahen sich die meisten der Zurückgebliebenen der neuen Zeit hilflos ausgeliefert. Die, die dem Osten den Rücken kehrten und im Westen, wenn schon nicht glücklich, so doch vermeintlich erfolgreich waren, wurde mit tiefstem Misstrauen begegnet.

Und so entstand auch innerhalb ostdeutscher Familien, wie auch im Land selbst, ein tiefer Riss, der zwar als feine Fissur begann, jedoch immer tiefer wurde, weil er keine politische Beachtung fand. Der rasante Aufstieg der faschistischen AfD zwingt jedoch dazu, endlich Position zu beziehen. Ich bezweifele jedoch, das bezogene Position wie die von Gauck, der mit seiner Forderung nach „erweiterter Toleranz gegen Rechts“ einen Fehler der Weimarer Republik wiederholt oder Kretschmers fauler Kompromiss zur Integration von Osteuropäern uns auf den richtigen Weg bringt. Hoffnung hingegen macht Petra Köpping, die sächsische Ministerin für Gleichstellung und Integration, denn sie hört offenbar ziemlich intensiv dem Volk zu und weiß es zu verstehen. Dann wird vielleicht „Fremdenfeindlichkeit“ bald keine Nebensache mehr sein und die Zivilgesellschaft sich gemeinsam dem Kampf gegen den wieder erstarkten Faschismus stellen.

Ullstein Hardcover

Hardcover mit Schutzumschlag

352 Seiten, 19,99 €

ISBN: 9783550200731

Michael Kraske, *1972, ist Journalist und Autor von Sachbüchern sowie Romanen und lebt in Leipzig. Er schreibt Reportagen und Porträts und interviewt für die ZEIT, SPON, MDR, National Geographic. Außerdem ist er Radio- und TV-Experte für WDR, MDR, Bayerischer Rundfunk, Deutschlandfunk und Phoenix.