Zu Japan fallen einem als Mitteleuropäer spontan Katastrophen wie Fukushima, Hiroshima und Nagasaki ein, sowie natürlich die unzähligen Taifune, Erdbeben und der ein oder andere Vulkanausbruch. Doch geht das japanische Volk wirklich so ungerührt pragmatisch mit diesen erschütternden Ereignissen um, wie es oberflächlich den Anschein hat? Judith Brandner gräbt in ihrem Buch etwas tiefer unter der Oberfläche und bringt Erstaunliches zutage.

Aktuell bewegt sich einiges in Japan. Der seit Jahrzehnten vorherrschende Neoliberalismus hat offenbar die sozialen und familiären Strukturen so sehr aufgeweicht, dass dessen Folgen dramatisch sind. Billigjobs, kaum noch Festanstellungen, sinkende Löhne, Privatisierung des Schulsystems und unmenschliche Arbeitszeiten. Über allem schweben die japanische Disziplin und der westliche Wettbewerb, den Japan gewinnen möchte. Die Folge ist, dass die Schere zwischen ‚Arm‘ und ‚Reich‘ immer weiter auseinanderdriftet und von einer Mitte kaum noch etwas zu sehen ist. Selbstmorde sind die häufigste Todesursache bei Kindern zwischen 10 und 14 Jahren. Die Autorin hat im Laufe der letzten Jahre einige Japaner*innen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten begleitet und interviewt und zu einem spannenden Spektrum zusammengeführt. Sie taucht dabei tief ein in die Geschichte Japans. Von der erzwungenen Öffnung des Inselreichs 1850 durch Amerika bis zu den noch heute andauernden Folgen des Supergaus in Fukushima führt diese Reise. Interessant dabei ist die Rolle der Amerikaner, die wegen des gewonnen atomaren Wettrüsten zwischen Japan und den USA 1945 nur äußerst knapp die Nase vorn hatten. Doch durch den Artikel 9 mit dem Japan nach dem Ende des pazifischen Krieges geknebelt wurden, ist Japans Handlungsspielraum geografisch eingeschränkt. Er besagt, dass Japan kein eigenes Heer errichte darf und kriegerisch nur als Unterstützung für die USA ins Feld ziehen darf. Über die Folgen, die durch Hiroshima und Nagasaki verursacht wurden und psychische und physisches Leid im japanischen Volk auslösten, wird in diesem Volk ausführlich berichtet. Jahrzehntelang hat sowohl die amerikanische als auch die japanische Regierung Stillschweigen darüber verordnet. Es scheint an der Zeit, dass das Volk in Japan seine Stimme erhebt, auch wenn mit den Olympischen Spielen 2020 in Tokio vermeintliche Normalität demonstriert werden soll, trotz des verstrahlten Fukushimas.

Hardcover

Residenz Verlag

224 Seiten, 22,- €

Format: 140 x 220

Judith Brandner – geboren 1963 in Salzburg. Studierte Japanologie und befasst sich seit fast 40 Jahren mit Japan. Zahlreiche längere Aufenthalte in Japan. TV- und Radiojournalistin, Publizistin. Arbeitet derzeit für die ORF-Wissenschaftsabteilung / Fernsehen.
Langjährige Moderatorin der Ö1-Sendung „Radiokolleg“ und Beitragsgestalterin für Ö1, öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland und in der Schweiz. Lehraufträge an Universitäten in Nagoya und Wien. Zahlreiche Publikationen, u. a. „Zuhause in Fukushima“ (2014), “Japan – Inselreich in Bewegung” (2019). www.judithbrandner.at