Photos: Sara Bertschinger

Ich habe lange überlegt, was denn nun meine Entdeckung des Jahres 2019 war. Es gab viele schöne, teilweise herausragende Veröffentlichungen. Aber die fünf Jungs aus Stuttgart, die sich Antiheld nennen haben mich tatsächlich so begeistert, dass ich ihnen dieses Etikett verleihe. Und bevor ich das Album beschreibe und mehr über Antiheld erzähle, möchte ich einen Grund für diese Einschätzung liefern, denn wir haben ein komplettes Konzert der Jungs im Kölner Helios 37 plus Interview für unseren YouTube-Channel aufgezeichnet – reinschauen:

https://www.youtube.com/watch?v=nUh_Iq-sAUU

Und nun die Zeilen zum Album und der Band. ANTIHELD sind oft melancholisch und gefühlvoll, aber auch ehrlich, aufrüttelnd und politisch gerade. Vor allem aber macht ihre Musik Hoffnung und gute Laune. Gitarrenriffs treiben voran, der Kontrabass trifft auf den Körper, die Ziehharmonika überrascht, besonders wird das Ganze aber vor allem durch die einzigartig kratzig-raue Stimme von Sänger Luca Opifanti. Eine Stimme, die egal ob bei Balladen oder rockigen Nummern immer wie die Faust aufs Auge passt, direkt aus dem Herzen kommt und fast immer für Gänsehaut sorgt. Theoretisch könnte er auch nur Grimms Märchen rezitieren und es würde einfach nur ziemlich gut klingen. Doch es ist nicht nur Luca, der die Band zu dem macht, was sie ist, es ist eine nahezu perfekte Harmonie unter den Jungs zu spüren, sie sind angekommen.  Und so gibt die ‘Introduktion’ direkt mal eine Aussicht auf das, was auf »Goldener Schuss« zu hören ist. Ein krachender Gitarrenakkord läutet die rauhe, scharfkantige Klangwelt ein und die ersten Zeilen bereiten den Hörer auf Themen vor, die weh tun. „Immer wieder abstürzen und dann immer wieder aufraffen“ wirkt dabei wie ein Mantra, das die Umstände des Lebenszyklus’ im Wesentlichen zusammenfasst. Die erste veröffentlichte Single ‘Ma Petite Belle’ zeigt dann eindrucksvoll, wie sich tief eingeschnittener Trennungsschmerz zu einem zeitlosen Rocksong mit Ohrwurm-Qualitäten aufschwingen kann, ohne dabei in die Liebeskitsch-Falle zu tappen. Auch, oder vielleicht, gerade weil der Stoff dazu zu 100% echt ist, wie Sänger und Texter Luca Opifanti meint: „Bisher hat mich die Liebe erst einmal in meinem Leben so kalt erwischt, dass ich danach `ne Zeit lang nicht mehr schreiben konnte. Ma petite belle war der Ausbruch aus meiner ersten echten Krise und der Grundstein dieses Albums.“ Ehe ‘Goldener Schuss’ die zweite Single und auch den Namensgeber des Albums markiert, findet sich mit ‘Präsidenten’ ein alter Bekannter wieder. Aus einem spontanen Facebook-Post mit vielsagendem Videoclip auf einer Toilette entstand seinerzeit der Bonustrack auf dem Vorgängeralbum »Keine Legenden«. Und weil Rechtsruck und der weltweite Hype um Populisten aktueller denn je sind, wird dieser Song nochmal durch die Mangel genommen und mit einem progressiv donnernden und überzeugenden Arrangement versehen. Wie eine Hymne an den Hedonismus kann der nächste Song ‘Herz’ verstanden werden. Als Luca sein erste Text-Skizze Henning Wehland zeigt und ihn nach seiner Meinung fragt, bekommt er erstmal keine konkrete Antwort und sie schweifen von einem Thema ins nächste ab. Nachdem sie dann einen ganzen Tag nur verquatschen, meint er irgendwann „Junge, dieses ‘Herz’ ist der Soundtrack deines Lebens“. Alles haben und sich niemals festlegen wollen, diesen Zeitgeist bringen Zeilen wie „mein Herz ist hungrig, es schlägt immer so um sich“ schonungslos auf den Punkt. Ähnlich hymnenhaft geht es dann ‘Find What U Love’ daher, dass in diesem Fall aber eine Laudatio auf die Hingabe und Leidenschaft ist, denn „Bedingungslos zu lieben heißt, sich selbst dabei verlieren“! ‘VII’ fegt mit grungigem Schlagzeug- und Gitarren-Geschepper über den Hörer hinweg. Henry Kaspers Akkordeon zeigt aber auch die zerbrechliche, rührende Seite der Band, die später auf dem Album noch groß herauskommt. Mit ‘Mach mirn Kind’ findet sich dann eine Reminiszenz an die doch ehr seichte Anfangszeit, es ist schneller Rock’n’roll-Groove, der das Anbeten der spontan auserkorenen Traumfrau an einem sorgfältig eingepegelten Samstagabend, dieser Song fetzt zwar, ist aber für mich der einzig schwächere Moment auf dem Album. Beim nächsten Song kommen dann bei mir Erinnerungen an die 80er und den immerwährenden Kampf gegen die Kriegstreiber und die wiedererstarkende faschistische Bewegung auf. Denn durch einen Zufall fand ‘99 Luftballons’ im Vorfeld der Produktion den Weg in den Proberaum und Sänger Luca Opifanti begreift die Ernsthaftigkeit und Aktualität dieses Songs noch einmal intensiver: „Der Augenblick, als ich so wirklich kapierte, wie aktuell dieser Text heute noch immer ist, war besonders. Eine Mischung aus Trauer und Resignation über unveränderte, mit der Zeit nur verschobene, scheinbar unüberwindbare Probleme des Menschseins, aber irgendwie auch Hoffnung, was dieser Song vielleicht bewirken kann. Schon immer konnte. Ich höre Nena zu und fühl mich verstanden. Es ist eine Ehre, diesen Meilenstein auf eigene Art interpretieren zu dürfen.“ Mit losen Ideen im Kopf entsteht dann eines nachts im Studio eine komplett neue Version mit eigener Strophe, die den Umgang der wohlhabenden, westlichen Welt mit dem Leid bedürftiger Flüchtlinge kritisiert. Mit ‘Nie wieder lieben’ folgt ein durch und durch impulsives, nicht kontrollierbares „Ich hasse dich, deinen Neuen, und alles was mit dir zu tun hat. Aber bitte nimm mich noch einmal in den Arm.“ und läutet schließlich das Schluss-Trio ein, welches noch einmal die ganze klangliche Dynamik und emotionale Tiefe von ANTIHELD zeigt.  Während sich ‘Gott’ der verzweifelten Suche nach Halt und Sinn im Umfeld menschlicher Abgründe annimmt, wird ‘Babylon’ noch einmal konkreter. Zeilen wie „Ich leb’ alleine hier in Babylon, meiner Stadt aus grauem Stahlbeton. Ich hab mich in ihr verlor’n, brauch’ jede Nacht ein bisschen mehr davon“ sagen alles über die Schattenseiten der beziehungs-skeptischen Generation aus, die es sich aber wohl doch ganz okay eingerichtet zu haben scheint.  Den vorläufigen Schlusspunkt setzt dann ‘Sonnenkind’, das seit Jahren fester Bestandteil des Live-Sets von ANTIHELD ist. Als Hommage an einen verstorbenen Kindheits- und Jugendfreund ist dieser Song Selbsttherapie und bittersüße Erinnerung zugleich. „Das Denkmal meines besten Kindheits- & Jugendfreundes. Jedes positive Gespräch am Merchstand nach einer Show über dieses Lied, und die persönlichen Geschichten der Zuhörer, geben mir für einen kurzen Moment das Gefühl, dass er nicht völlig sinnlos gestorben ist. Danke dafür.“ so Luca Opifanti, ein zutiefst emotionales und mitreißendes Statement, das er auch auf den Konzerten wiederholt und das sehr eindrucksvoll seine gefühlvolle Tiefe zeigt. Die Refrain-Zeile „Was wir hatten, das kann uns keiner mehr nehmen. So vieles erinnert hier an dich, doch was wir hatten, steht für sich“ vereint so viel Schmerz und Trost, Vergänglichkeit und Hoffnung, die so nah beieinander liegen, dass man sich kaum zwischen sanftem Lächeln und bitterlichem Weinen entscheiden kann.  Mit diesen Emotionen wird Mensch in die Bonustracks verabschiedet, die mit ‘Vollrausch’ und ‘Mama’ nochmal weiteres Songmaterial liefern und soundästhetisch bisweilen an die Wurzeln der Band in der Straßenmusik erinnern. Als besonderes Highlight werden dann ‘Mach mirn Kind’, ‘Ma petite belle’ und ‘Goldener Schuss’ nochmal als Klavier-Version von einer ganz anderen Seite gezeigt. Last but not least, zwischendrin gibt es immer ‘Interludes’, drei an der Zahl, die den Fluss des Albums gekonnt auflockern.

Auch wenn ich beim Erstling noch skeptisch war, ob hier nicht schon wieder eine hoch gehypte weitere Pop-Rock Truppe den Musikmarkt betritt, mit ihrem „Goldenen Schuß“ haben mich die Jungs um Luca Opifanti mitgenommen und absolut überzeugt.  Denn ANTIHELD gelingt mit „Der Goldene Schuss“ der ganz große Wurf, der sprichwörtliche Treffer in die 12. Dieses Album ist das bei weitem stärkste und überzeugendste Stück deutscher Rockmusik, das ich in den letzten Jahren gehört habe. Die ehemaligen Deutsch-Popper sind erwachsen geworden und schreiben sich auf eindrucksvolle Weise ihren Herz- und Weltschmerz von der Seele, beziehen Stellung und begeistern. Das Ergebnis ist eindrucksvoll, beschwörend und ehrlich bis aufs Blut, ich hoffe auf mehr Antihelden und viele weiter eindrucksvolle Momente live und auf dem Plattenteller.

Line Up:

Luca Opifanti | Gesang & Gitarre

André Zweifel | Gitarre

Matze Brendle | Bass

Arne Brien | Schlagzeug

Henry Kasper | Akkordeon & Piano

ANTIHELD online:

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