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Konrad Kramar behandelt in seinem Buch „Neue Grenzen, offene Rechnungen“ betont nicht die Frage, wie Europa zu retten ist. Es geht ihm vielmehr darum, zu erklären, wie es durch ganz Europa hinweg zu einer solch breiten nationalistischen Strömung kommen konnte, die sich kontrovers zu den Zielen der EU, zu einer derart gewaltigen Bedrohung dieses Staatenbündnisses und seiner Werte kommen konnte.

Er gräbt dabei tief in geschichtlichen Ereignissen, bei denen er glaubhaft darlegt, dass bereits Konfliktlösungen der Habsburger Monarchie und des Osmanischen Reichs für die Wurzeln beziehungsweise Entwurzelung als Grundlage angesehen werden können. Anschaulich erklärt er, wie sehr sich die Grenzen verschieben durch rücksichtslose politische Entscheidungen, die für die Bevölkerung verheerende Wirkungen hatten. Am Beispiel Polens, das, eingezwängt zwischen Deutschland und Russland, seit Jahrhunderten zum Spielball der Politik wurde und dabei das Volk in einen Zustand von Angst, aber auch und vor allem Irritationen zu ihrer Herkunft, Sprache und Werten versetzte. Auch der Balkan, der in seiner Geschichte immer wieder zum Exerzierplatz für Ideologien und Machtspiele wurde, leidet aktuell unter der Angst eines Identitätsverlustes. Das periphere Europa fühlt sich von den Kernländern betrogen und bedroht. Unterstützt wird diese Wahrnehmung nicht zuletzt durch Effekte wie den „Lebensmittelrassismus“. Er beschert Ländern wie Rumänien, Ungarn und Bulgarien zwar die ersehnten Westmarken in den zahlreich angesiedelten westlichen Konsumketten in ihrem Land. Doch in der hübschen Verpackung befindet sich trotz der großen Namen, leider nur die zweite Wahl, für annähernd den gleichen Preis. Wie beschämend ist das denn? Doch Kerneuropa scheint dies nicht zu interessieren.

So, nun mal zu Kerneuropa. Ja, Ja, der Brexit! Warum möchten denn die Briten, die doch so wunderbare EU verlassen, obwohl sie jede Menge Vergünstigungen und Sonderregelungen hatten? Konrad Kramar jedenfalls hat Antworten darauf. Die Hälfte der Briten hat der EU niemals so richtig angehört, da sie immer noch tief verwurzelt in den viktorianischen Zeiten und dem Kolonialismus verhaftet sind. Genau damit wirbt ja auch der aktuelle Premier Johnson, der dieser Hälfte der Bevölkerung die Rückkehr in die gute alte Zeit des Kolonialismus verspricht. Den Franzosen ist es recht. Den sie verbindet eine tiefe und lange Feindschaft mit den Briten. Ja, und die deutschen? Die mag sowieso niemand wegen ihres permanenten Eroberungsdrangs, den sie leider in der Geschichte ziemlich brutal und auch meist übermächtig praktizierten. Heute sprechen allerdings nicht mehr die Waffen, sondern die Wirtschaft.

Da wir der Musik verbunden sind, hier ein Beispiel der Konfliktlösung durch das „Duboza Kollektiv“ aus Bosnien-Herzogowina:

https://www.youtube.com/watch?v=Z5xuauDWxYw

denn diese kennen weder Grenzen noch Unterschiede zwischen den Menschen!

Residenz Verlag

Klappenbroschur

256 Seiten, 20,- €

ISBN: 9783701734825

Konrad Kramar – geboren 1966 in Wien, Studium der Pharmazie. Seit 1984 als Journalist tätig, seit 1992 beim „Kurier“, seit 1999 außenpolitischer Redakteur. Autor mehrerer erfolgreicher historischer Sachbücher, u.a. „Die schrulligen Habsburger“, „Mission Michelangelo“ (2013), “Neue Grenzen, offene Rechnungen (2019).