Auch nach so langer aktiver Zeit im Musikgeschehen, erlebe ich immer wieder „WOW“-Momente und entdecke faszinierende neue Bands, wenn ich auf Konzerte gehe. Letztes Wochenende gab es wieder so einen Moment, ich war zum Release Konzert von „Beautific Charms“ der neuen Scheibe von Metafiction Cabaret, die am Vortag veröffentlicht wurde, eingeladen – es war ein herausragendes Erlebnis.

Was aber ist ‚Metafiction Cabaret‘? Lassen wir sie am besten einmal selbst beschreiben – „Ambivalente Pianosounds. Zügellose Beats. Leidenschaftliche Gitarrenriffs. Abgründige Stimmen, die sich nach Unvollkommenheit verzehren. Das sind die Markenzeichen dieser einzigartigen Kombo, die sich 2013 aus der Subkultur der Berliner Theater- und Performance-Szene formierte. In den letzten Jahren begeisterten sie mit ihrer Performance zwischen glimmerndem Rock-Konzert und verruchter Cabaret-Show Zuschauer in ganz Deutschland. Ob auf dem Fusion Festival, oder im Kabarett-Theater Distel, ob Jahrmarkt, Freakshow, oder Zirkus, diese Punk-Cabaret-Band überwindet Konventionen und weckt Begeisterung.“ Soweit die Selbstbeschreibung der ungewöhnlichen Truppe, eigentlich könnte ich jetzt mit dem Schreiben aufhören, denn diese Aussage stimmt vollkommen mit meinem Gefühl überein, nachdem ich sie auf dem Konzert im BiNuu gesehen habe, nur es gibt noch mehr zu sagen/schreiben.

Denn ‚Metafiction Cabaret‘ einfach nur als Zirkus-Punk Band zu klassifizieren, wird der Truppe keinesfalls gerecht. Die musikalische Bandbreite reicht von Anleihen an Brecht/Weill’s 3 Groschenoper (Jester King) über Elemente des französischen Chansons, Elektro, straighten Rock bis hin zum Punk der 80er Jahre. Jedes der 13 Stücke klingt anders, jedes hat sozusagen eine Überraschung bereit. „Beautific Charms“ ist ein Genuss für die Ohren und das Hirn, auf jeden Fall einer meiner musikalischen Favoriten dieses Jahres. Was ‚Metafiction Cabaret‘ dann zum audiovisuellen Gesamtkunstwerk werden lässt sind die spektakulären Auftritte. Die Musik wird gekonnt in Szene gesetzt, immer wieder neue, spannende Elemente eingeführt, die sich so auch in ihren Videos wiederfinden, sozusagen als kleiner Trost für all diejenigen, die die Band nicht live sehen konnten.

Da wäre zum Beispiel das Musikvideo zu JESTER KING, hier steht die Welt Kopf. Eine Parade der Diversität zieht durch die Straßen. Die bunte Gesellschaft. Sie sind viele und werden immer mehr. Doch sind sie auf dem Weg zu einer Hinrichtung. Der Narrenzug hängt seinen König. Dieses Bild ist so ironisch wie konsequent. Das bunte Volk braucht keinen Anführer, es rächt sich die Hybris derer, die sich an die Spitze einer Bewegung stellen wollen, die Revolution verschlingt sich selbst, die Gesellschaft opfert ihre Freiheit für Ordnung und Sicherheit.

Oder STITCH IN Time, hier steht die Demokratie, die bunte Gesellschaft, unsere freiheitliche Lebensweise unter Beschuss. Es ist ein kraftvolle Post-Punk Song, der unter die Haut geht. Liebe und Angst, das Irrationale und das Postfaktische, Opfer und Täter – der Zeitgeist flüstert aus jeder Zeile und sucht nach der politischen Dimension der gefühlten Wirklichkeit. Ein hochpolitisches Lied über die Radikalisierung und das Abdriften unserer Gesellschaft. Im Video schicken die vier Zirkus-Punks den Protagonisten auf einen Horrortrip. In der vermeintlichen Familienidylle entstehen Gewaltfantasien. Die Schicksalsgeister spinnen den Lebensfaden. Die Mutter näht ihm diesen behutsam in die Seele. Das Ganze ist als One-Shot Video gedreht. Ohne Schnitte rauscht der verlorene Sohn in die Begegnung mit sich selbst.

Die Alternative Girl-Punk Hymne Claim To Power fordert den Fall der Mächtigen. Peitschende Drums und harte Gitarrenriffs befeuern den auflodernden Gesang. In Analogien alter Mythen wird gegen die Cäsaren unserer Zeit aufbegehrt. Die Stimmen reflektieren in sphärischen Elektro-Zwischenteilen den Zustand der Welt. Diese musikalische Vielfalt verbindet sich zu einer außergewöhnlichen und mitreißenden Hymne der Veränderung aus dem Untergrund. Im dazugehörigen Video ist die anklagende Sängerin selbst die Königin. Höfische Tänze und lebende Kerzenständer spiegeln den alltäglichen Frieden. Sie beherrscht ihr Volk, verführt es mit Zuckerbrot und Peitsche, übt mit ihm die Revolution. Bei scheinbaren Kinderspielen wird der Dolch gewetzt, Baseballschläger zertrümmern Pinhatas, auf dem goldenen Vlies entflammt die Orgie. Ihr Berater gibt alles, um das Volk gegen sie aufzuwiegeln und sie zu Fall zu bringen. Doch am Ende stürzt die Königin ihr Volk. Die Macht bleibt allein zurück. In pompösem neoklassizistischem Setting lässt ‚Metafiction Cabaret‘ einen antiken Hofstaat der Zukunft auferstehen. Die blassgoldene Ästhetik vereint Verführung und Revolution. Echte menschliche Annäherung wird gebrochen durch Etikette und Revolte. Der Kampf um Status und Macht wird auf die Spitze getrieben, um immer wieder in ein Spiel ohne Konsequenzen geführt zu werden.

‚Metafiction Cabaret‘ ist mehr als eine Band. Ihre Songs sind eingängig, tanzbar, rockig und experimentell. Ihre Texte doppelbödig. Ihre Liveshow ist spektakulär. The Metafiction Cabaret ist Rockkonzert und Theater, Klavier und Schlagzeug, Kunstblut und Konfetti. Queerer Punk. Das Berliner Nachtleben auf der Bühne, Brecht im Berghain, Glitzer, Kunst und Pop.

Das Album „BEAUTIFIC CHARMS“ ist das zweite Studioalbum der Band und erscheint am 18.10.2019. Fünf Singles inklusive Musikvideos werden vorab ausgekoppelt. Im November feiert außerdem ihre Punk-Operette UTOPIA LTD. Premiere. Auf jeden Fall ein heißer Tipp für alles Menschen, die das Außergewöhnliche gepaart mit guter Musik leben – wir bleiben dran!

09.11.2019 Berlin, Reinbeckhallen, Premiere Utopia Ltd.

13– 17.11 & 21.- 24.11, Berlin Reinbeckhallen, Utopia Ltd

25.01.2020 (DEU) Berlin, Supamolly

Mitglieder der Band

Marc C. Behrens
Johanna von Malchow
Kai Günther
Richard Wutzke

Videos

„Stitch in Time“: https://youtu.be/PQWQtvHD1o8

„Claim To Power“: https://youtu.be/oBHIEwwClwA
“Jester King”: https://youtu.be/Xum1DTz8tfk
“Happiness Officer“: https://youtu.be/79N5dxw1rUw  

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