Wer waren die Wikinger? Barbaren? Eine Horde Wilder, die nur auf ihre brutale Gewaltherrschaft während ihrer Eroberungszüge reduziert werden sollte? Oder lohnt es sich, ein wenig genauer hinzusehen, so wie es Jörn Staecker (gest. 2018) empfahl und es uns Matthias Toplak als Herausgeber dieses Werkes empfiehlt? Jedenfalls ist „Die Wikinger“ ein gewaltiges, allumfassendes Werk, das aufgrund der modernen archäologischen Techniken vorsichtige Antworten auf alte Fragen und erstaunliche neue Erkenntnisse bringt.

Über die zeit der Wikinger wahrheitsgetreu berichten zu können, ist eine ziemliche Herausforderung, denn von ihnen selbst gibt es außer einigen Runeninschriften keine schriftlichen Aufzeichnungen. Erst durch die Skaldendichtung des 13. Jahrhunderts und wenig schmeichelhaften Berichten von Mönchen, die meist auch erst aus einer Zeit nach der Kernzeit (793-1066 n.Chr.) stammen, gibt es schriftliche Quellen. Diese werden jedoch im Buch als recht subjektive Berichterstattung gewertet. In mühsamer Kleinstarbeit wurden deshalb archäologische Funde nicht nur in Skandinavien, sondern auch in Osteuropa ausgewertet. Grabbeigaben, Siedlungsfunde und Reste ihrer Schiffe lassen beeindruckende Schlüsse zu. Die Münzfunde beispielsweise deuten darauf hin, dass die Wikinger einen beachtlichen Handel mit islamisch geprägten Ländern trieben. Weit ausgeprägter waren offenbar noch ihre Kontakte zu den slawischen Völkern. Ja, selbst bis ins heutige Russland streckten sie ihre Fühler aus. Und nichts deutet daraufhin, dass es sich um Raubzüge handelt, sondern es sieht eher nach friedlichem, einvernehmlichem Handel aus. Auch Reiseberichte arabischer Händler belegen, dass die Wikinger auf arabischen Märkten aktiv waren, sich jedoch schwertaten, sich den islamischen Sitten anzupassen. Besonders die Stellung der frau bei den Wikingern, fiel den Arabern dabei besonders ins Auge, denn sie war dem Manne nicht untertan, sondern gleichberechtigt. Grabbeigaben in Frauengräbern lassen auch vermuten, dass die Frauen auch an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligt waren. Die Christianisierung war für die Wikinger jedoch vornehmlich ein wirtschaftlicher Akt. Denn, um mit den christlichen Europäern im Geschäft zu bleiben, mussten sie konvertieren. Problemlos reihten sie daher den weißen Gott in ihre lange reihe an Göttern ein und er wurde einer der Ihren. Über viele Jahre herrschte deshalb ein friedlicher Synkretismus. Keiner beherrschte die Meere so, wie die Wikinger. Auch wenn ihre Eroberungszüge etwas grob waren, ihre Bestattungsrituale oft sehr grausam, so überwiegt doch die Hochachtung über ihre oft hochsensible Kontaktaufnahme zu so vielen Kulturen.

  • Herausgeber: Matthias Toplak
  • Geschichte/Zeitgeschichte
  • Propyläen Verlag
  • Hardcover mit Schutzumschlag
  • 480 Seiten, 32,- €
  • ISBN-13 9783549076484

Jörn Staecker, geboren 1961 in Buxtehude, gestorben 2018 in Tübingen, war Professor für Mittelalterarchäologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und einer der prägenden Wissenschaftler für die skandinavische Wikingerzeit. Dieses Buch ist sein Vermächtnis und Zeugnis seiner lebenslangen Begeisterung für die Wikinger.