Es ist Sonntag, der 30. September 2018. Am Nachmittag hat leichter Regen über der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires eingesetzt. Im Estadio Malvinas bekommt davon niemand etwas mit. Den ganzen Tag arbeitet die Crew hochkonzentriert am Bühnenaufbau in der riesigen Halle. In den Katakomben unter der Arena bereitet sich die Band auf ihren Auftritt am Abend vor. Es ist nicht irgendeine Band und es ist nicht irgendein Auftritt. In wenigen Stunden werden NIGHTWISH ihre furiose, einzigartige „Decades“-Werkschau auf der Bühne der argentinischen Metropole entfesseln. Und abertausende Fans in Ekstase versetzen.

Das sieht man auf der Bühne in Buenos Aires, wo NIGHTWISH furios mit ‚End Of All Hope‘ ins Geschehen einsteigen und unerreicht epochal mit ‚Ghost Love Score‘ in die Nacht geleiten. Dazwischen: Finnische Bombastbrillanz in reinster Form. ‘Wish I Had An Angel’‘Sacrament Of Wilderness’‘Elvenpath’‘Devil & The Deep Dark Ocean’‘Dead Boy‘s Poem’… Gänsehaut, bewegende Bilder, epochaler Sound, für die Ewigkeit konserviert mit 19 Kameras. Wer NIGHTWISH kennt, der weiß, weshalb dieser Konzertfilm essentiell. Und wer diese unvergleichliche Band bisher nicht kannte, der wird sich danach fragen, wie zum Henker das nur passieren konnte.
Was 2018 unter dem Titel „Decades“ als umfassende Chronologie der ersten zwei Dekaden Bandgeschichte erschien, war so viel mehr als eine profane Best-Of. Die Kompilation markierte sowohl den 20. Bandgeburtstag als auch das Ende einer weiteren Ära in der Karriere der international erfolgreichsten Band Finnlands. Und die gleichnamige Tour dazu, die war ebenfalls so viel mehr als eine profane Konzertreise zum runden Geburtstag. Die siebte NIGHTWISH-Welttournee führte vom 9. März bis zum 15. Dezember 2018 durch 82 Städte in Europa, Nordamerika und Südamerika – mit einer einzigartigen, unwiederbringlichen Setlist, die für die Fans wie Weihnachten, Geburtstag und Wacken am selben Tag war. „Ich wollte für die Tour nicht einfach die erfolgreichsten Nightwish-Songs herauspicken“, erklärt Tuomas Holopainen, der ewige Peter Pan des Symphonic Metal. „Ich fragte mich eher, welche Songs ich einem Menschen vorspielen würde, der noch nie von unserer Band gehört hat. Irgendwann merkte ich, dass ich die ganze Zeit über lächelte. Ich erinnerte mich an den neugierigen, unschuldigen Jungen, der diese Songs schrieb.“

Dieser Junge ist immer noch ein Teil von ihm, das merkte man auf diese Tour mehr denn je. Ehrensache also, dass eine dieser nostalgischen Zeitreisen für die Nachwelt festgehalten werden musste. Das hätte man natürlich überall tun können, sicherlich, dieser Wanderzirkus des Symphonic Metal schlug seine magischen Zelte schließlich auf der ganzen Welt auf. Doch insbesondere die Show in Buenos Aires, eh eine Stadt im absoluten NIGHTWISH-Fieber, versprach schon im Vorfeld ein einschneidendes Erlebnis. Die Show zeigt die Band in der Form ihres Lebens mit einer einzigartigen Setlist, gefeiert von einem der leidenschaftlichsten Crowds auf dem Planeten in einer unvergleichlichen Stadt.

Wir probten sehr viel vor der Tour“, erinnert sich Holopainen. „Wir spielten die alten Songs wochenlang, bis wir sie wieder verinnerlicht hatten. Floor hatte sie noch nie zuvor gesungen und auch für Troy war eine Menge neu.“ Der Aufwand hat sich mehr als gelohnt: NIGHTWISH bei dieser Show zu erleben, heißt, eine Band zu erleben, die nach all den Rückschlägen und Krisen wieder zu sich selbst gefunden hat. Der ungebrochene Zauber der alten Songs hatte daran natürlich einen gewissen Anteil. „Ich muss es Floor, Marco und Troy hoch anrechnen, dass sie ein Stück wie ‚Elvenpath‘ singen ohne mit der Wimper zu zucken“, so der Mastermind schmunzelnd. „Ich meine, der Song dreht sich darum, mit einer Hexe auf einem Besen zu reiten und sich in der Sauna aufzuwärmen!“ Doch wahrscheinlich erinnerte sich nicht nur Holopainen an den Jungen, der diesen unvergessenen Klassiker einst in einer lauen Mittsommernacht des Jahres 1996 schrieb. „In gewisser Weise vermisse ich diese Tage“, sagt er. „Sie waren so neu, so unschuldig so pur. Doch die Philosophie der Band, unsere Beweggründe, sie fortzuführen, haben sich kein Bisschen geändert.“

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