„Der Keller“ ist eine faszinierende, wenn auch düstere Komposition aus den autobiographischen texten Thomas Bernhards des Jahres 1976 und der eigenwilligen Illustration Lukas Kummers. Dieses gewagte Unternehmen erfährt hier tatsächlich eine kunstvolle, ausdrucksstarke Symbiose.

Der 1989 verstorbene Thomas Bernhard schildert in „Der Keller“ sensibel und eindringlich seine Zerrissenheit, mit der er die verbissene Verlogenheit der Salzburger Gesellschaft zwei Jahre nach dem Kriegsende empfindet. Als 16jähriger wächst er in einem der besseren Viertel Salzburgs auf. R besucht das Gymnasium. Die Erwartungen des Großvaters, dem einzigen Mann im Haus, an ihn sind hoch. Den Unterricht durch titelträchtige, konservative und leistungsorientierte Lehrer empfindet er als unerträglichen Drill. Eines Tages hält er den Druck nicht mehr aus. Er beschließt, sein Leben radikal zu verändern. Das Arbeitsamt bietet ihm eine Lehrstelle als Kaufmann an. Das Besondere an dem Arbeitsplatz ist die Gegend, in der der Laden liegt. Er befindet sich in dem verruchtesten Randbezirk Salzburgs. Wer dort landet oder gar aufwächst, gilt als verloren. Freiwillig würde sich kein Salzburger dorthin wagen. Doch Thomas Bernhard nimmt das Angebot dankbar an. Sein Chef ist ein besonnener, intelligenter Menschenkenner und das Geschäft befindet sich in einem Keller, inmitten der Siedlung der „Aussätzigen“. Bernhard stellt schnell fest, dass der Keller das Herz der Siedlung ist. Da es an anderen Versammlungsmöglichkeiten mangelt, ist das Geschäft, neben der Beschaffung von Lebensmitteln, der Ort, an dem sich die Menschen der Siedlung verbal austauschen. Auch wenn die Arbeit hart ist, lernt Bernhard dort so viel mehr, wie sein Großvater und die Schule ihm beibrachten. Die Ausgestoßenen der Österreichischen Gesellschaft formen ihn unter der sanften Führung seines Chefs und er findet endlich zu sich und seinen eigentlichen Bedürfnissen und Neigungen. Doch die erstaunlichste Erkenntnis für ihn ist, dass die Siedlung der vermeintlich Aussätzigen nur der Vorhof der Hölle ist. Die eigentliche Hölle ist dort, wo er herkommt. Dort leben die Menschen in der Gefangenschaft der gesellschaftlichen Wertigkeit, die sie mit ihrer ganzen Energie als Fassade aufrechterhalten.

Mit Lukas Kummers Illustration dieser Geschichte werden die Bilder, sowohl zu diesem Zeitfenster der Nachkriegszeit als auch zu den von Bernhard empfundenen Zwängen, eindrucksvoll und sehr individuell unterstrichen.

Residenz Verlag

Hardcover, Graphic Novel

112 Seiten, 22,- €

Format: 170 x 240

ISBN: 9783701717163

Thomas Bernhard

geboren am 9. Februar 1931, gestorben am 12. Februar 1989 in Gmunden (Oberösterreich). 1952-1957 Musik- und Schauspielstudium an der Akademie Mozarteum Salzburg, ab 1957 freier Schriftsteller. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Österreichischer Staatspreis 1967, Georg-Büchner-Preis 1970.

Lukas Kummer

geboren 1988 in Innsbruck. 2007 zog er nach Kassel, um an der Kunsthochschule Illustration und Comic zu studieren. Von 2009 bis 2015 arbeitete er neben dem Studium für das Mechanische Institut der Uni Kassel als Illustrator und Gestalter. 2014 Studienabschluss und anschließendes Jahr als Meisterschüler bei Hendrik Dorgathen. Lukas Kummer arbeitet freischaffend als Illustrator und Comiczeichner. Veröffentlichungen in diversen Zeitschriften und Fanzines. Seine erste Graphic Novel “Die Verwerfung” erschien 2015, “Die Gotteskrieger” 2017. Zuletzt bei Residenz erschienen: “Die Ursache” (2018) und “Der Keller” (2019).