Jad Turjmans Fluchtgeschichte berührt zutiefst und beschämt hoffentlich jeden Europäer, der sie liest. Aktuelle Ereignisse, wie die Verhaftung der deutsche Kapitänin Rackete, die, weil sie Afrikaner vor dem Ertrinken im Mittelmeer bewahrte, angeklagt wird, lassen darauf schließen, dass sich viele unserer Mitmenschen offenbar ihrer Menschlichkeit entledigen. Jad Turjmans Erfahrungen, die er auf seiner langen Reise von Syrien nach Österreich gemacht hat, zeigen, wie wenig geeint dieses Europa ist und wie dringend es Gesetze bedarf, die den Umgang mit Flüchtlingen human regeln.

Jad Turjman ist ein intelligenter, humorvoller junger Mann. Als er noch mit seiner Familie am Rande von Damaskus lebte, studierte er erst englischsprachige Literatur und arbeitete anschließend als Verwaltungsangestellter bei der syrischen Regierung in Damaskus. Seine Aufgabe war es, Menschen, die durch den Krieg ihre Unterkunft verloren, finanziell zu entschädigen. Auch wenn ihm Korruption und Ungerechtigkeiten in seinem Arbeitsumfeld bitter aufstießen, so macht ihm die Arbeit doch Spaß. Er liebt Damaskus, seine Familie und Freunde. Für all das nimmt er die immer dramatischer werdenden Kriegszustände in Kauf. Selbst als er von ‚Rebellen‘ entführt wird, gefoltert und tagelang eingesperrt wird, denkt er nicht daran, sein Land zu verlassen. Erst die Einberufung zum Militär veranlasst ihn zur Flucht. Für ihn ist es undenkbar, auf Befehl Assads Menschen zu töten. Ebenso wenig möchte er sich für etwas opfern, dass so unendlich sinnlos ist, wie dieser Krieg. Von heute auf morgen verlässt er die geliebte Heimat. Ein Cousin, der bereits seit einigen Jahren in Schweden lebt, bietet sich an, seine Flucht nach Schweden zu organisieren, wohl bemerkt, gegen die Zahlung mehrerer tausend Euro. Die Odyssee beginnt. Schon in Istanbul steht er kurz davor, aufzugeben. Doch die Türken nutzen die Syrer als billige Arbeitskräfte aus. Hier sieht er keine Möglichkeit, sich zu entfalten. Also wagt er die Überfahrt nach Griechenland, zuerst in einem Schlauchboot, das von einer privaten griechischen Organisation fast zum kentern gebracht wird. Dabei kommt ein Baby ums Leben. Auf Umwegen schafft er es doch noch nach Griechenland.  In Athen lernt er Kito kennen, der aus Aleppo floh und auf dem Weg nach Dortmund ist. Der Cousin hat Jad falsche Papiere organisiert, doch diese sind so schlecht gefälscht, dass er an den Kontrollen scheitert. Nach dem dritten versuch gibt er auf und beschließt mit Kito und seinen Freunden, den Landweg über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland zu gehen. Da der plan des Cousins erfolglos war, schicken ihm seine Eltern Geld. Der Landweg ist nicht nur, weil dort tiefster Winter herrscht, lebensgefährlich. Auch der ein oder andere Schlepper stellt sich mehr als Gefahr, denn als Hilfe dar. Geschickt manövriert er die kleine Gruppe, bis er letztendlich kurz vor der deutschen Grenze in Österreich von der Polizei aufgegriffen wird. Doch offenbar war das sein Glück, denn dort scheint er jetzt Fuß gefasst zu haben.

Residenz Verlag

Hardcover 2. Auflage Juli 2019.
256 Seiten, 22,- €
Format: 140 x 220
ISBN: 9783701734801

Jad Turjman

geboren 1989, studierte englischsprachige Literatur und war in der Stadtverwaltung in Damaskus tätig. Seit 2015 lebt Turjman in Salzburg und arbeitet bei Akzente Salzburg. Turjman schrieb sein Debütwerk “Wenn der Jasmin auswandert” (2019) auf Deutsch.

Karim El Gawhary (Vorwort)

geboren 1963 in München. Seit 1991 Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Zeitungen, seit 2004 Leiter des ORF-Nahostbüros in Kairo. Zuvor fünf Jahre als Vertreter des ARD-Rundfunkstudios in Kairo tätig. 2011 erhielt er den „Concordia Presse-Preis“, 2012 wurde er zum Auslandsjournalisten des Jahres gewählt, 2013 zum Journalisten des Jahres in Österreich, 2018 erhielt er den Axel-Corti-Preis.