Faszinierend, bizarr und unvergleichlich ist das barocke Meisterwerk, das Daria Wilke aus der barocken Feder floss. Mit Leichtigkeit und Inbrunst formt sie eine Welt, die, obwohl von Gegensätzen geprägt, niemals widersprüchlich wirkt. Alles hat seinen Preis. Hier wird Leidenschaft, Lust, Schönheit und Erfolg in gleichem Maße mit Entbehrung, Qual und Gefängnis in die Waagschale geworfen. Ein literarischer Hochgenuss.

Die Engelsstimmen der Kastraten feierten im Barock des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Porpora und Cavalli komponierten die Opern für die damaligen Engelsstimmen Farinelli, Atto Melanie, Siface oder Pasqualine. Nicht nur Wien lag ihnen zu Füssen. 300 Jahre lang waren Kastraten die Popstars namhafter Bühnen und der Adel feierte sie frenetisch, solange ihre Stimmen glockenhell erklangen.  Doch der Preis, den die meisten Kastraten zahlten, war hoch. Bei den Allerwenigsten erzeugte der Eingriff die gewünschte Wirkung. Um den Qualen der Jungen ein Ende zu setzen, wurde die Kastration nach 300 qualvollen Jahren verboten. In Daria Wilkes Geschichtelebt sie weiter, in Niederösterreich, im Hier und Jetzt.

In der Nähe eines kleinen Örtchens befindet sich ein Schloss, in dem, offiziell in einem privaten Internat, Jungen eine Gesangsausbildung erhalten. Der Schlossherr, eine skurrile, mysteriöse und ‚Der Zar‘ genannte Figur führt das Internat mit harter Hand und vor allem, wie in den Zeiten des Barock. Wie eine Insel in der Neuzeit setzt er die Kastratenzeit Undercover fort. In der ganzen Welt lässt er nach Jungen mit förderungswürdigen Stimmen suchen. Diese sollen möglichst keine Lobby haben, meist aus ärmlichen Familien stammen und somit ideale Klienten für das Internat. Die einzig weibliche Schülerin ist Nina, die gemeinsam mit ihrem Bruder Matheo von ihrer Mutter in Russland an den Zaren verkauft wird. Da der Zar die Kastration des Jungen mit allerlei Privilegien verbindet, willigen Matheo und alle anderen Jungen ein. Die meisten sind zu klein, um die Folgen zu erkennen. Trotz qualvoller Stimmausbildung reicht es nur bei wenigen zu einer außergewöhnlichen Stimme.  Doch Matteos Stimme ist außergewöhnlich klar und hell, dass nicht nur der Zar vor Ehrfurcht erschauert. Das Internatsgefüge mit seinen harten mittelalterlichen Regeln gerät aus den Fugen, als Matteos Freund versucht, sich das Leben zu nehmen. Als dann noch seine Schwester mit einem kleinen Zögling, der noch nicht kastriert ist, aus dem Internat flieht, hält Matheo nichts mehr zurück. Er begibt sich nach Wien und lernt, zunächst als Obdachloser, dass ihm fremde leben des 21. Jahrhunderts kennen. Ein Freund, der Jahre zuvor dem österreichischen Gefängnis entkam, hilft ihm auf die Beine. Vor allem aber unterstützt er ihn im Kampf gegen den Zar, der Matheos Flucht nicht akzeptiert.

Residenz Verlag

Hardcover, 27.8.2919

304 Seiten, 22,- €

ISBN: 9783701717200

Daria Wilke wurde 1976 in Moskau in eine Schauspielerfamilie geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit in einem Puppentheater, in dem ihre Eltern gearbeitet haben. Nach dem Studium der Psychologie, Pädagogik und Geschichte arbeitete sie als Journalistin für verschiedene Tageszeitungen in Russland. 2000 übersiedelte sie nach Wien, wo sie auch heute lebt und an der Universität Wien arbeitet. Sie hat bisher mehrfach ausgezeichnete Kinder- und Jugendbücher auf Russisch veröffentlicht, „Die Hyazinthenstimme“ ist der erste Roman, den sie auf Deutsch geschrieben hat.