Ist das jetzt noch Country-Rock oder schon Punk, bin ich gerade im Texas der 70er oder im hier und jetzt 50 Jahre später? Und dann wird es zwischendurch mal richtig schön bluesig, garniert mit einer Mundharmonika, die fast schon in Texas erklingen könnte. Die Wurzeln von Daddy Long Legs liegen denn auch im Blues, Howlin‘ Wolf, Leadbelly, Screamin‘ Jay Hawkins sowie Dr. Feelgood haben ihn sichtlich beeinflusst. Vor diesem Hintergrund gibt Daddy Long Legs seinen eher bluesigen Songs einen kräftigeren Schuss Rock und eine Note Country, Gospel oder Protopunk mit.

„Daddy Long Legs“ ist ein Roman von Jean Webster, der Anfang des 20. Jahrhunderts einigen Erfolg hatte und mehrere Adaptionen für Film und Bühne nach sich zog. Als Musical wurde er 1955 mit Fred Astaire verfilmt. Die Titelfigur ist ein unerkannt bleibender Wohltäter. Hinsichtlich der Anonymität gibt es da Parallelen zum Musiker, denn seinen Namen hält der Leadsänger und virtuose Blues-Harp-Spieler verborgen. Begleitet wird er von Murat Aktürk an den Gitarren und Josh Styles an den Drums sowie Percussion.  Das in New York ansässige Trio veröffentlicht mit „Lowdown Ways“ bereits sein viertes Album. Und wieder zeichnet es sich durch seinen unverwechselbaren Sound aus, der durch die raue, manchmal krächzende Stimme des Frontmanns, die intensiv gespielte Mundharmonika, prägnantes Schlagzeug sowie die knarzenden Gitarrenriffs geprägt wird.

„Theme From Daddy Long Legs“ stimmt mit stampfendem Rhythmus auf den Longplayer ein. Nach dem Opener nimmt „Lowdown Ways“ Fahrt auf. Es folgen zwei rockige Stücke, das starke „Pink Lemonade” und das so richtig nach Country klingende „Ding Dong Dang“. Die Rhythmusarbeit auf beiden Tracks ist außergewöhnlich. Sie erinnert dann bei „Mornin‘ Noon & Nite” anfänglich an John Lee Hookers „Boom Boom“ und treibt den Song ordentlich an. Das Schlagzeug von Josh Styles klingt dabei einfach genial.

Im Mittelteil des Albums erhöht sich das Tempo mit den beiden Boogies „Glad Rag Ball“ und „Winners Circle“. Mit „Célaphine” sind wir dann beim Country-Rock angekommen, vor meinem inneren Augen öfnet sich dabei die Schwungtür zum Tanzsaal im mittleren Westen. Daddy Long Legs legt sich dabei mit der Blues Harp gewaltig ins Zeug. Anders als beim vorhergehenden „Bad Neighborhood” ist hier die Rauheit in der Stimme des Leadsängers zurückgenommen. Was mich immer wieder begeistert ist das Spiel mit den Effekten, mit denen die Stimme verfremdet wird, vor allem, wenn der Klang von oft gespieltem Vinyl imitiert wird.

Hörbar ist das gewollte Kratzen in den Höhen bei „Back Door Fool“. Der schön runde Country-Song bringt durch die akustische Gitarrenbegleitung ansonsten eine genussvolle Abwechslung. Aber Daddy Long Legs kann auch ohne Technik eine gewisse Vielfalt in seine Stimme legen, dies beweist er auf dem bluesigen „Snagglepuss“. Der mit leichter Punk-Attitüde gespielte Country Rocker „Wrong Side Of The River” bildet den Abschluss des Albums, dass sich wohltuend abseits des glattgebügelten Mainstreams bewegt und damit erfrischend anders klingt. Knackige Songs, die etwas schräg mit den Traditionen umgehen, zeichnen Daddy Long Legs aus. „Lowdown Ways“ ist eine Scheibe,  die ich immer wieder mal auflegen werde.

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