Ian und James, The Felice Brothers, haben mit ihrem neuen Album “Undress” ein wichtiges Anligen, sie sagen dazu: “Wenn wir wirklich in einem völlig totalitären Staat leben würden, sollten wir für dieses Album hingerichtet werden.” Dieses im Spätsommer 2018 aufgenommenes Album hat denn auch einiges an berechtigter Kritik zu bieten, hält der amerikanischen Heimat mit Witz und beißender Satire den Spiegel vor. Schon der Titelsong ist eine Forderung, endlich einmal authentisch aufrichtig zu sein, “Republicans and democrats / undress.” Die Kandidaten beim Familienduell sind nackt, schießfreudige Deputies legen ihren Hass offen, und auch das: “Vice president and president / French kiss.” Dazu steigert sich der Song nach und nach zu einer vergnügten Hymne, satirisch und den Hörer/ die Hörerin in den bannziehend, wohl auch und gerade wegen des innewohnenden Zynismus. Die folgende Westernmediation “Holy weight champ” geht das dann ernster an, es ist eine Ballade über die Unausweichlichkeit des menschlichen Schicksals orchestriert mit weitschweifenden Piano- und Gitarrenklängen.

Die Felice-Brüder waren ja eigentlich nie unpolitisch, eine derart schlüssige Verknüpfung von Privatem und Gesellschaftlichem ist ihnen daher selten gelungen, der Präsidentschaftskanditat in “Special Announcement” verspricht aberwitzige Dinge, mehr Beeren auf dem “Blueberry Hill”, und schmeichelt den Hörer und das Wählervolk mit seinem vergnüglichen Country-Shuffle genüsslich ein. Das “Salvation Army Girl” wird dagegen eher mit stürmischen Rock’n’Roll gefeiert, “All of the junkies here agree / She looks a lot like Jackie Kennedy.” Dieses Album ist eine Parade der handgemachten Populärmusik der letzten sechzig Jahre, Country, Folk-Rock, Klavierballaden, alles kommt da zum Einsatz, einfach gelungen. Das gemütliche Orgel-Spiel in “Poor Blind Birds” präsentiert ein gewöhnliches allgegenwärtiges Schicksal und erzählt gleichzeitig über die Unmöglichkeit, aus diesem zu entfliehen, der gängige Refrain besänftigt dann doch und hinterlässt ein Gefühl der Zufriedenheit. Da heißt es “We were left out of Eden / In the wake of our first mistake”, und diese Unnachgiebigkeit einer religiösen Obrigkeit bleibt dann auch das Maßgebliche für die armen, blinden Schäfchen, die sich von diesem Reigen friedlicher Musik in einen oberflächlichen Schlaf schicken lassen.

Deutlich sinisterer ist der mit prägnantem Bass ausgestattete Anfang von “TV Mama”, wobei auch dieser Song schnell seinen Frieden durch die Pedal-Steel-Gitarre findet. Diese Musik besänftigt und ruft eine Zufriedenheit hervor, auf der textlichen Ebene hingegen zeigt sich, dass es sich um ein trügerisches Idyll handelt. Das ikonische “The Kid” kommt direkt aus dem musikalischen Zentrum des weißen Amerikas, zeigt die Abgründe der White Supremacy mit genügsamem Country-Rock deutlich auf. Schließlich besingen die Felice Brothers den gebrochenen “Hometown Hero”. Bei “Jack Reminiscing” wird dann ein lebhaftes Bar-Piano gegen den typischen, wohlsituierten Bürger eingesetzt und die Brüder aus dem Staate New York erzählen dazu zynische Heldenlegenden, “He died on a fourth of july / In a firework display.” Es sind solche Momente, die durch spottende Übersteigerung das Selbstbild der amerikanischen Eliten ins Lächerliche ziehen und es zum Wanken bringen. In einer anderen Zeit und bei anderen Gegebenheiten wurden Künstler schon für deutlich weniger aufgeknüpft, The Felice Brothers haben ihr Ziel also erreicht.

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