Ein beeindruckendes Werk, das spannend, humorvoll, aber vor allem mit begeistertem Herzblut von Harold Meller und Kai Michel inszeniert wurde.

Der Fund der Himmelsscheibe, aber vor allem der langwierige, aufwendige Prozess des Echtheitsbeweis und Herkunftsidentität lässt das Leben 1600 v. Chr. In Mitteleuropa in einem neuen Licht erglänzen. Zu einer Zeit, über der die Geschichtsbücher uns lehren, dass die europäischen Menschen im Vergleich zum alten Griechenland und zum Dreistromland doch eher ungebildet und unwissend gewesen seien. Wir sprechen also von der Zeit vor 1600 v. Chr. Also über 3400 Jahre in der Vergangenheit. Während im nahen Osten das Leben bereits fleißig auf Tontäfelchen für die Nachwelt konserviert wird, werden in Europa bei Ausgrabungen aus dieser Zeit nur primitive Werkzeuge und Tonscheiben gefunden, doch vorher war nichts dabei, dass auf komplexes Wissen hingedeutet hatte. In Mitteleuropa jedenfalls schien Analphabetismus zu herrschen. Die Ergebnisse der Untersuchung der Nebra – Scheibe und Grabfunde aus der Nähe jedoch weisen auf ein Volk hin, das hochzivilisiert und bestens organisiert war und seine Fühler bis tief nach Polen ausstreckte. Zunächst wurde angenommen, dass die Sternenkonstellation auf der Himmelsscheibe, den Bauern zur Orientierung bei Zeiten für Saat und Ernte dienen sollte. Doch Wissenschaftler fanden heraus, dass damit Schaltjahre berechnet werden konnten und dass 1600 v. Chr.! Erst für eine Zeit um die 1000 Jahre später gab es für Mesopotamien Hinweise auf diesbezügliche Berechnungen. Doch woher bezog dieses Volk sein Wissen? DANN-Untersuchungen an Skelettfunden ergeben einen hohen Anteil an Erbgut aus dem Nahen Osten. Wirtschaftsflüchtlinge! Die Gegend um Nebra ist extrem fruchtbar, während der Ackerbau im 3 Strom-Land extrem mühsam war. Es liegt also nahe, dass mit diesem Flüchtlingsstrom auch das Wissen nach Mitteleuropa kam. Aujetitz, so heißt diese 3600 Jahre alte Volk, dessen stärkster Pfeiler wohl das Wissen war und nicht der aus dieser Zeit bekannte Verwaltungs- und Unterdrückungsstaat, der zum Beispiel in Ägypten herrschte. So liegt die Vermutung nahe, dass dort über mehrere Jahrhunderte nahezu paradiesische Zustände herrschten. Genügend und reichhaltiges Essen für alle, Armeen, die die Grenzen schützten, möglicherweise sogar demokratische Strukturen und geringe Tribute, bildeten die Basis. Doch wie steht es mit der Religion der Einwanderer. Auch das ist bemerkenswert. Während es in den Zeiten davor in Europa an Kultstätten wie Stonehenge und dem nahegelegenen Pömmelte zu rituellen Tötungen von Menschen und Vieh kam, verschwanden diese Handlungen offenbar aus dem religiösen leben. Die Sonne, Mond und Sterne gerieten in den anbetungswürdigen Focus. Lange zeit lebte das Volk der Aujetitz sorgenfrei und in Frieden. Bis zum Jahr 1600 v. Chr., dem Katastrophenjahr der Minoer. Auf Thera (Santorini) löst ein heftiger Vulkanausbruch eine Katastrophe aus. Die Minoer übergaben danach das Zepter der Macht an die Mykenen. Ist es Zufall, dass die Himmelsscheibe von Nebra ausgerechnet in diesem Jahr von den Aujetitz beerdigt wurde?

  • Geschichte/Zeitgeschichte
  • Propyläen Verlag
  • Hardcover mit Schutzumschlag
  • 384 Seiten, 25,- €
  • ISBN-13 9783549076460

Prof. Dr. Harald Meller, geboren 1960 in Olching, ist Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an der Saale und des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Der Landesarchäologe ist ein international anerkannter Wissenschaftler und Ausstellungsmacher.

Kai Michel, geboren 1967 in Hamburg, ist Historiker und Literaturwissenschaftler. Er war Wissenschaftsredakteur bei Zeitungen wie „Die Zeit“ oder „Die Weltwoche“ und schreibt heute für „GEO“. Er ist Co-Autor des Bestsellers „Das Tagebuch der Menschheit“ und lebt in Zürich und im Schwarzwald.