Eine Oral History des deutschen Rap

„Könnt ihr uns hören?“ ist vor allem ein vielstimmiges Werk Jan Wehn und David Bortot befragten ungefähr 100 Größen und Kenner der Hip-Hop und Rap – Szene, daraus bastelten sie dieses Gesamtkunstwerk. Entstehung, Aufstieg und Fall, Entwicklung und neues Eblühen einer einzigartigen Kulturszene, des Hip-Hop.

Während im hier und Jetzt der Hip-Hop gesellschaftlich und kommerziell fest verankert ist, war er Anfang der 80er Jahre eine eher unscheinbare, niedliche Bewegung. Von der breiten Musikszene ignoriert und belächelt, zog das frühe Hip-Hop-Volk einfach sein Ding durch. Breakdance, Skaten, Sprayen und interaktiver, rhythmischer Sprechgesang war eine Welle, die in den frühen 80ern aus New York zu uns herüber schwappte. Privat organisierte Jams, über ganz Deutschland verteilt, verhalfen dem „Volk“ zum Wachstum. Es bildete sich eine eingeschworene Familie, die sich Halt gab und eine Plattform schuf, um eigene Ideen musikalisch umzusetzen. Zahlreiche Bands wurden gegründet. Torch, der Sänger der Band Advanced Chemistry (AC) lieferte mit dem Song „Fremd im eigenen Land“ die Initialzündung. Hip-Hop verbreitete sich weltweit wie eine Religion, die auch als solche zelebriert wurde. Als dann Gruppen wie Fanta 4 oder fettes brot bei großen Labels unter Vertrag genommen wurden, begann ein erbitterter Kampf um Herkunft und Inhalte. Die „Old School“-Rapper setzten auf sozialkritische Texte, während Bands wie Fanta 4 nur Party zelebrierten. Das Hip-Hop Lager war gespalten, Krieg war angesagt, der nicht nur verbal ausgetragen wurde. Von 1994 – 2003 erkannten dann auch große Konzerne, wie aus der Bewegung Geld zu machen war. Klamotten, Accessoires und Vinyl wurden gewinnbringend vermarktet. Funk und Fernsehen boten der zunehmenden Zahl von Stars willig eine Plattform , während „the old school“ eigene kleine Labels gründete, verbissen konservativ. Erst als Bands wie Massive Töne und Kolchose trotz oder vielleicht gar wegen ihrer Lässigkeit Ruhm erlangten, beruhigte sich die Szene. Durch fortschreitende Technik bekommt der Hip-Hop gar Zuwachs. DJ’s wie Tommek und Mad werden zu einer bedeutenden Srömung. Die große Blase platzte Ende der 90er Jahre. Zumindest für den deutschen Rap gehen erst einmal die Lichter aus. In Berlin jedoch entstand in den Jahren 1998 – 2007 ein eigener Boom. Nach dem Mauerfall entstanden in den Ruinen des Ostens, aber auch im Westteil der Stadt illegale Clubs, in denen sich die Szene traf. Mit der Gründung von Aggro Berlin kam auch der Gangster-Rap nach Deutschland. Hip-Hop und Rap bekamen durch Künstler wie „Bushido“ für lange Zeit ein ziemlich schmieriges Image. Erst „Marteria“ und „Casper“ holten den Rap wieder aus der Schmuddelecke. Bands wie „Deichkind“, „Seed“ und Künstler wie „Cro“ verpassten dem Rap Melodien, sodass sich zunehmend auch die Frauenwelt dafür begeisterte. Die Plattform dafür sind heute  „YouTube“ und „Instagram“ und der neue Rap-König heißt „Haftbefehl“, denn Rap lebt von Provkation.

  • Ullstein fünf
  • Klappenbroschur
  • 464 Seiten, 20,- €
  • ISBN-13 9783961010189

 

Davide Bortot leitete von 2003 bis 2007 das HipHop-Magazin JUICE. Er lebt in Berlin und betreibt dort eine Firma für Design, Internet und Kategorienvermengung. Nebenher kultiviert er sein Interesse an Rap und fette Bässe.

Jan Wehn, 1986 in Hagen geboren, arbeitete als Redakteur bei SPEX und DE:BUG und schrieb für JUICE, ZEIT ONLINE und INTRO über Rapmusik und Popkultur. 2013 und 2015 wurde er dafür mit dem Rocco-Clein-Preis ausgezeichnet. Er ist Redakteur bei DAS WETTER und einer der Gründer des HipHop-Magazins ALL GOOD.