„Musik ist nichts weiter als ein Experiment mit Energien, die in starker Dosierung im raum existieren.“ So kommentiert Mozart seine über 200 Jahre alten Werke, über die er ja eigentlich nicht gerne mehr spricht. Offenbar konvertierte er inzwischen zur Mathematik und Physik, über die er sich ja gerne und ausgiebig auslässt. Unfreundlich und unzufrieden wie eh und je. Wondratscheks Charaktere, die den Wiener Friseursalon bevölkern sind mindestens so schräg wie authentisch. Mit liebevollem Zynismus durchstreift er dabei die Zeiten und Gesellschaftsschichten und lächelnd den Finger in die Wunden.

Der Friseur wächst als Findelkind in den Wüsten Nordafrikas auf. Schon früh entwickelt er eine Affinität zu Haaren. Als Kind verbringt er die Abende am Lagerfeuer, oft unter dem Bauch eines Kamels und flechtet ihnen kunstvolle Zöpfe aus ihrem langen Haar. Im Teenageralter übergeben ihn die Nomaden einem Frachtschiff und er landet in Triest vor einem Friseursalon. Mit stoischer ruhe saugt der Friseur all das Wissen in sich auf. Der Versuch jedoch, in Venedig als Perückenmacher Fuß zu fassen, misslingt. Er heiratet, lässt sich in Wien in der Griechengasse nieder und eröffnet eine Mischung aus Friseursalon, Basar, Café und Kunstmuseum. Nichts ist geplant, alles ergibt sich. Entsprechend schräg sind seine Gäste. Der Friseur wird zum Magnet und Mittelpunkt einer bunten, kleinen Welt, die, wie in einer Blase geschützt, der Außenwelt trotzt. Stoisch ruht er in sich, höflich zurückhaltend widmet er sich den Nöten und Ängsten seines Publikums. Schon bald macht es die Runde in Wien und auch Stars lassen sich gerne mal bei ihm sehen. Als dann jedoch Mozart bei ihm erscheint, ist er etwas verwundert, denn er glaubt, der sei längst tot. Wegen der neuen Haarmode verzichtet Mozart dann auch auf seine Perücke. Der Friseur nimmt sie an sich und lagert sie mit all den anderen haarproben von Berühmtheiten bei sich ein. Natürlich glaubt ihm keiner, dass Mozart zu seiner Kundschaft gehört. Eines Tages besucht ihn eine Wissenschaftlerin, die die Echtheit der Perücke überprüfen will. Erstaunt stellt sie fest, dass sie echt ist und offensichtlich aus der Zeit stammt, in der Mozart lebte. In seinem Salon befindet sich Sand, den der Wind aus der Sahara zu ihm wehte. Er ist die Wurzel zu seinem alten Leben als Kind in Nordafrika, in dem er lernte, dass Freude, Lust, Tanz und vor allem Glück den Ursprung im Inneren hat. Das Leben in Europa erstaunt ihn, doch verändert hat es ihn nicht. Der Friseur ist der Fels in der Brandung. Nach Jahren verebbt das Geschäft, seine Frau verlässt ihn. Doch der Friseur bleibt seinen Wurzeln treu.

Deutschsprachige Literatur

Ullstein Hardcover

160 Seiten, 18,- €

ISBN-13 9783550200090

Wolf Wondratschek wuchs in Karlsruhe auf. Von 1962 bis 1967 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie an den Universitäten in Heidelberg, Göttingen und Frankfurt am Main. Seit 1967 lebte er als freier Schriftsteller zunächst in München. In den Jahren 1970 und 1971 lehrte er als Gastdozent an der University of Warwick, Ende der Achtzigerjahre unternahm er ausgedehnte Reisen unter anderem in die USA und nach Mexiko. Gegenwärtig lebt er in Wien.