Deserter = Deserteur, Fahnenflüchtiger, Abtrünniger. Ein Mensch von 7.674.575.000 (Stand 01.01.2019). Nicht zugehörig einer Nation. Inhaber einer Staatsbürgerschaft ja, aber nicht zu identifizieren als Bürger dieses Staates oder über Herkunft, Volk oder irgendwelche Wurzeln in irgendeiner Heimat. Also auch nicht heimatlos oder entwurzelt, sondern einfach nur das: ein Mensch. Wer er ist, zeigt sich durch Worte und Handlungen, aber eben auch durch die Lieder von DeSerter. Alleine komponiert, getextet, gesungen, arrangiert. Mit ein bisschen Hilfe seiner Freunde produziert, gemischt und veröffentlicht. Sie sind der Modus des Desertierens, denn sie entziehen sich jeder Mode und jedem Versuch der Anpassung oder der Teilhabe an irgendeinem Diktat des Stils oder der Inhalte. Der einzige Maßstab ist der eigene. Sicher, manche Klänge sind bekannt, die Form der Songs konventionell, die Texte in Englisch, der gängigen, universellen Sprache des Rock und des Pop. Aber das ist nicht so, weil es von anderen erwartet wird, sondern weil jeder Ton und jedes Wort so sein muss, wie es sich zuvor in der Vorstellung von DeSerter entwickelt hat. Es geht also um das, worum es schon immer ging: ein freies Individuum, das sich nichts und von niemandem vereinnahmen lässt.

Warum dann ein Album für Europa? Fast alle Songs haben damit zu tun, das Album erscheint wenige Wochen vor den Wahlen vom 23. bis zum 26. Mai. Der Europäische Traum von Gemeinsamkeit und Frieden, von der Überwindung von Grenzen wird gefeiert in Songs wie dem Titelstück Europa! oder my favourite dream, das als Liebeserklärung an Europa geschrieben ist. In Plan B Planet B wird eindringlich eine gemeinsame Anstrengung zur Erhaltung der natürlichen Umwelt gefordert. An ordinary woman beklagt die Vereinnahmung einer Region durch ein Gewaltregime aus der Perspektive eines unschuldigen, wehrlosen Opfers. At the End of the World zieht gar eine Parallele zwischen den Grenzen dieses zivilisierten, freien Europas und der Begrenztheit des Menschenlebens überhaupt. Würde es nicht zu dem DeSerter, dem Abtrünnigen passen, auch hier abseits zu stehen und denjenigen zuzustimmen, die nach der Befreiung von dem angeblichen bürokratischen Monster EU rufen?  Nein, ganz im Gegenteil. Denn die Propheten einer neuen Unabhängigkeit und vermeintlichen Befreiung von Bevormundung sind in Wahrheit Feinde des freien Menschen. Sie wollen zurück zu den Nationen, dem Streben nach Vorteil auf Kosten anderer und sind letztlich auch zu neuen Kriegen bereit. Damit würden Grenzen und Armeen wieder notwendig und hier gilt es: zu desertieren. Die Idee von Europa ist radikal anders: Es geht darum, unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Staatsangehörigkeit, Sprache und im wahrsten Sinn grenzenlos allen ein freies und ungefährdetes Leben zu ermöglichen. Nur die Regeln soll es geben, die notwendig sind, um dafür den Rahmen zu schaffen. Natürlich ist es noch ein langer Weg, bis das Projekt vollendet ist. Vieles muss noch geschaffen und anderes wieder abgeschafft werden. Aber die Hoffnung, dass der böse Traum von einem Kampf alle gegen alle endlich ein für alle Mal überwunden werden kann, ist es wert, seine Stimme zu erheben. Das gilt gerade für diejenigen, die selbst bestimmen wollen, wo und wie sie leben und was sie mit ihrem Leben anfangen wollen.

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