Ein bemerkenswertes Werk, das Ilona Jerger mit einer Leichtigkeit, mit Witz und Ironie zu einer spannenden Lektüre kreiert hat.

Was haben Marx und Darwin gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts, außer dass sie zur gleichen zeit am selben Ort wohnten. Und doch erleben beide unabhängig voneinander annähernd die gleichen Schicksalsschläge und haben ähnlich verwirrende Wurzeln. Darwin, der auf Geheiß seines Vaters zuerst Medizin studiert, um anschließend seinem herzen zu folgen und sich der Theologie zuwendet, wird lebenslänglich von diesem Konflikt begleitet. Während seiner fünfjährigen Weltumseglung entdeckt er plötzlich nicht nur Hinweise, sondern Beweise, dass die Bibel lügt. Denn die Welt wurde nicht im Jahr 4002 v. Chr. Von Gott geschaffen. Mit genauso viel Entsetzen wie Neugierde untergräbt er wissenschaftlich fundiert die, in der Bibel beschriebene, Schöpfung. Darwin, der sich aus Überzeugung dem Theologiestudium zuwandte, erkennt, es gibt keinen Gott. Der Mensch ist lediglich das Ergebnis von Zufällen, die sich aus der Entwicklung der Natur ergaben. Es bedarf Jahrzehnte der Forschung und Diskussionen mit seiner fest im Glauben verankerten Frau Emma, bis er mit sich und der Religion ins Reine kommt. Obwohl sein Leben mit Emma und den Kindern in einem Dorf am Rande Londons in ruhigen Bahnen verläuft, plagen ihn gesundheitliche Probleme. Auch wenn seine Forschungsergebnisse und zahlreichen Bücher der Kirche ein mächtiger Dorn im Auge ist, so verhindert seine gesellschaftliche Stellung einen Angriff auf ihn. Sein Hausarzt Mr. Beckett, der als überzeugter Atheist versucht, seinem sterbenden Patienten die Angst vor Fegefeuer und Hölle zu nehmen, nimmt sich sowohl Darwins, als auch Marx Krankheiten an, die erstaunliche Parallelen aufweisen. Während Darwins Leben in einem finanziell gesichertem Status abläuft, denn er ist fleißig und ehrgeizig, fristet Marx ein Leben in Unsicherheit und Chaos. Er lebt als staatenloser Exilant in eine Stadt, deren Klima er hasst und dessen Sprache er nur mangelhaft beherrscht. Finanziell ist er auf seinen reichen Freund Engels angewiesen, da ihm die Disziplin fehlt, an einer Fortsetzung des Kapitals zu arbeiten. Auch privat setzt sich das Chaos fort. Seine Frau Jenny stirbt an Krebs und den Sohn mit der Haushälterin verleugnet er. Der ungesunde Lebenswandel (Alkohol und Zigarren) bereitet seinem Hausarzt Kopfzerbrechen. Marx, der als Jude zur Welt kommt und dessen Familie aus wirtschaftlichen Gründen zum Protestantismus konvertierte, hätte ursprünglich Rabbi von Trier werden sollen. Die gegenteilige Entwicklung zum Ökonomen und Revolutionär und damit gegen jede Einflussnahme der Religion und für die Befreiung der Arbeiterklasse aus dem Sklaventum und somit sein Postulat von der Gleichheit aller Menschen, hat, so meint sein Arzt Beckett, Marx Krankheitsbild beeinflusst.

Und nun zur Fiktion – eines Tages kommt es zum Showdown. Marx erschleicht sich einen Platz zum Diner bei Familie Darwin. Er war bisher der Überzeugung, in Darwin einen Mitstreiter für seine Revolution zu heben, denn schließlich hat dieser ja Gott abgeschafft. Darwin lässt sich jedoch nicht vor Marxen Karren spannen. Denn es geht um Gleicheit (Marxens Postulat von der Gleicheit aller Menschen) gegen Vielfalt (Darwins Erkenntnis von der Vielfältigkeit der Natur).

  • Ullstein
  • Hardcover mit Schutzumschlag
  • 288 Seiten, 20,- €
  • ISBN-13 9783550081897

Ilona Jerger ist am Bodensee aufgewachsen und studierte Germanistik und Politologie in Freiburg. Von 2001 bis 2011 war sie Chefredakteurin der Zeitschrift „natur“ in München. Seither arbeitet sie als freie Journalistin. Als Sachbuchautorin hat sie bei C.H. Beck und Rowohlt veröffentlicht. Und Marx stand still in Darwins Garten ist ihr erster Roman.