Als er vor vier Jahren mit seinem Werk Edward Maclean’s Adoqué erstmals als Solokünstler in Erscheinung trat, fügte er damit dem Jazz made in Germany eine sphärisch groovende Farbe zu und die Kritik war – zu Recht – begeistert. Nun stellt der Hamburger Bassist und Komponist – wiederum in Quintett Besetzung – seine zweite Scheibe mit dem Titel Me&You vor.
Auch wenn die Arbeit unter eigenem Namen nun ganz klar sein Herzblut ist, es gab für Edward Maclean ein musikalisches Leben davor. Um eine Vorstellung davon zu geben, auf welch reichen musikalischen Erfahrungsschatz dieser Ausnahmemusiker zurückgreift, hier ein kurzer Eindruck seiner vielfältigen Wirkkreise. Mit dreizehn begegnete er erstmals dem Bass, vermittelt durch seine Brüder und erfuhr erste Banderfahrungen im Schmelztiegel der deutschen Musik – dem Rheinland. Nach kurzem Ausflug in ein Medizinstudium lernte er dann an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin bei der Bassgröße Ed Schuller.
Vorbilder dieser Zeit reichen von Charles Mingus und Jaco Pastorius bis zu Me’shell Ndegeocello. Aus langem und engem Kontakt zum Dunstkreis von Seeed kommt Maclean zur Tourband von Peter Fox, genau so ist er aber Sideman von Jessica Gall oder Nils Wülker. Bei der liveDEMO Band agiert er als Musical Director für Gastauftritte von Estelle, Dendemann, Patrice, Jan Delay, Eska Mtungwazi, Bilal oder Aloe Blacc. Und schließlich berufen ihn auch die Söhne Mannheims in ihre Bühnenband.

Dabei spielt er überwiegend Sandberg Bässe, dazu noch einen Fender Jazz und einen Squier Japan Jazz, sowie einen Pöllman Kontrabass. Die Sandberg Bässe sind für ihn sehr souveräne Instrumente, die jetzt nach Jahren Charakter und Tiefe offenbaren. Der Squier war sein erster Bass, Edward spielt ihn seit inzwischen 30 Jahren, die Beiden kennen sich in- und auswendig, allerdings kommt er nicht mehr mit auf Tour, sondern bleibt schön zu Hause. Der Fender 5 String hat auch einen großartigen Sound und darf deshalb bei keiner Studio Aufnahme fehlen. Der Pöllmann Kontrabass und die Darm Saiten von Gerold Genssler sind ein großartiges Team, dieser Bass ist in allen Frequenzen super vertreten, er klingt grandios. Die restlichen Bässe tragen D’Addario Saiten und freuen sich zusammen mit diversen Lehle Tretern und MarkBass Amps über und auf jeden Gig mit Edward.
Seine vielfältigen engagements würden eigentlich für eine Full Time-Auslastung reichen. Doch 2012 beschließt Edward Maclean, seine Talente als Komponist und Produzent mehr in den Fokus zu rücken. Er gründet ein eigenes Quintett und veröffentlicht Edward Maclean’s Adoqué – eine Visitenkarte dafür, was Jazz im 21. Jahrhundert sein kann, er ist sphärisch in der Grundstimmung und groovend zugleich, lyrisch und anregend, mit eleganten Referenzen an Modern, Fusion, Funk und Electro, nie anbiedernd, sondern stets mit dem persönlichen Kniff auftrumpfend. Macleans Debüt ließ die Jazzthetik von der „schönsten Platte des Jahres“ schwärmen, Die Welt nannte ihn einen „Atmosphärenzauberer“, und DeutschlandradioKultur befand: „Ein echter Slowburner. Mit jedem Hören ziehen einen die Songs immer tiefer in ihren Sog.“

Jetzt legt der Wahlhamburger mit Me&You nach, der Plattentitel klingt wie ein akustischer Liebesfilm, vielleicht. Doch Edward Maclean holt uns schnell von diesem Holzweg herunter, denn: „Es geht nicht um Romanze und Kerzenschein. Me&You zielt ab auf die Begegnung zwischen Menschen. Da erhoffe ich mir eine direktere Form der Kommunikation, ohne Agenda und ohne vorgefertigte Denk- und Hörmuster.“ „Näher dran am Zuhörer sei die Platte, persönlicher“ fügt Edward hinzu, und die Bandmusiker, zwei von ihnen Neueinsteiger, seien weiter in den Vordergrund gerückt.

Was er sich gewünscht hat, kann aus Hörerperspektive bestätigt werden, denn Me&You kultiviert keine musikalischen Versteckspiele, sondern vermittelt starke Gefühle mit offenem Visier. Dabei gelingt es Edward wiederum, aus der Ruhe die Kraft zu schöpfen, von einer meditativen Schwingung ins bisweilen Muskulöse zu klettern. „Airy“ zum Beispiel ist eine rauchschwangere, sehr zurückgelehnte Ballade, der man aber mit dem altgedienten Klischee des Jazzclubs morgens um vier nicht gerecht wird: Vielmehr verbirgt sich in dieser Komposition ein hymnischer, und auch ein bisschen wehmütiger Gesang – ganz so, als würde man mit viel Empathie auf ein prägendes Erlebnis zurückblicken. Gewagt, dass Maclean diesen, man muss ihn fast „Song“ nennen, als Intro gesetzt hat und sich ganz zurücknimmt, die Bandmitglieder sprechen lässt.

Das ist mit „Again“ vorbei, hier zeigt er sich am Bass erfindungsreich und viril, lässt seine vier Kollegen zunächst nur die harmonischen Weichenwechsel stellen in einem verspielten Track, der mit rhythmisch selbstbewusster Gestaltung und dem unbändigen Sax von Sebastian Borkoski (der erste Neuzugang) wie durch einen starken Filter an Klassiker des modernen Jazz gemahnt. Es schließen sich zwei Widmungen für Musikerkollegen an: „Beam Me Up“ fängt die Energie des jungen New Orleans-Trompeters Christian Scott auf, hat aber auch klare Reminiszenzen an Weather Report und kulminiert in einem Moog-gefärbten Solo von Matti Klein (der zweite Neuling). Der ehemalige Mo’Blow Keyboarder und Musical Director beim brasilianischen Soulmonster Ed Motta würzt die Aufnahme an vielen Stellen mit Wurlitzer und Fender Rhodes.
„Kendrick“ – man errät es – ist dem derzeit zu Recht in aller Munde und Ohren befindlichen Kendrick Lamar zugeeignet. Die treibende Komposition mit dem schiebenden Ostinato und den Federstrichen des Besenschlagzeugs des perkussiven Klangmalers Tobias Backhaus legt eine raffinierte, ganz allmähliche Dynamiksteigerung an den Tag, kommt dabei, der Einspielung „We Want Miles“ wesensverwandt, mit spartanischer Melodik aus. In „Resistance“ und „Theresien“ dann wieder der Gegenpol: Christian Kögel lässt hier in Timing und Timbre Referenzen an John Scofield erkennen, verkörpert subtil eine Erschöpfung und Müdigkeit gegenüber Widerständen, die sich auch mit Liebe manchmal nicht überwinden lassen. Auf beiden Stücken gesteht sich Maclean wunderbar sangliche Kontrabass-Soli zu, er, der sich nie als Frontmann, sondern stets als „Begleiter der Kompositionen“ versteht.

Und irgendwann versteht man auch, was diese Platte so stark macht, hier herrscht eine unheimliche Entspanntheit, die da an den Tag gelegt wird.

In seiner neuen Vaterrolle, so Maclean, habe er viel gelernt: Wie ein Kind seien die Songs zu ihm gekommen, mit ihrem eigenen Charakter, dem man behutsam an die Hand nimmt.  In diesem Sinne könnte der heimliche Lieblingstrack von Me&You schließlich das zurückgelehnte „Gospel“ sein, und er ist nochmals ein Paradebeispiel für die gleichberechtigte Beteiligung der ganzen Band am thematischen Prozess. Nicht als konkretes religiöses Bekenntnis sollte man ihn lesen, vielmehr als einen Zustand, einen „Ausdruck von Hingabe“, wie es Maclean nennt. Und in dieser Hingabe verbergen sich die schönsten Gitarren-Linien, soulig wie innig, unterfüttert von einer grandiosen Fender Rhodes-Arbeit.

Diese Hingabe der fünf Musiker in jedem Track ist es auch, die Me&You zu einem in jedem Sinne beherzten Album macht, in den kontemplativen wie expressiven Momenten. Die Klippe des verflixten zweiten Albums, Edward Maclean und seine vier Kollegen haben sie souverän umschifft – mit einem Vertrauen in das, was passiert.

Und über allem klingt dabei Edward Macleans außergewöhnliche Handschrift durch und grundiert die kräftigen Klangfarben der Zehnerjahre souverän und tiefsinnig mit Anleihen bei den Siebzigern. Für mich auf jeden Fall das Jazzalbum des Jahres und eine gute Möglichkeit, einen herausragenden Bassisten einmal intensiver zu würdigen.
www.edwardmaclean.de