Mit beeindruckender Sorgfalt beschreibt Martin Kirst die familiären und gesellschaftlichen Verquickungen in Finkenwerder, einem Dorf in Brandenburg, sowohl zu DDR – Zeiten als auch in der heutigen Zeit.

Quälend detailliert und nüchtern inszeniert ist der Wertewandel und damit einhergehend der Zerfall von Familien. In Finkenwerder verschwindet ein 16-jähriges Mädchen. Alles deutet zuerst daraufhin, dass sie abgehauen ist, mit einem wesentlich älteren Mann durchgebrannt. Die Familie wurde kurz zuvor vom Vater verlassen, die Mutter ist maßlos überfordert mit der Erziehung des Mädchens und dem jüngeren Sohn. Job, die Kinder, das Haus – ihr wächst einfach alles über den Kopf. Trotz der verzweifelten Einsicht, schuld am Verschwinden ihrer Tochter zu sein, glaubt sie dennoch, das Mädchen sei entführt worden. Sie bittet ihren Schwager, der für die Berliner Kripo ermittelt, um Hilfe. Alex, ein vom Dienst suspendierter Bulle, dem die Dorfkneipe gehört, wird auf den Fall des vermissten Mädchens aufmerksam. Erschrocken bemerkt er, dass es viele Gemeinsamkeiten zu einer Serie grausamer Morde an jungen Mädchen gibt, mit der er vor seiner Suspendierung vor 3 Jahren beschäftigt war. Zusammen mit seinen Freunden ermittelt er auf eigene Faust.

Parallel dazu wird die Lebensgeschichte der Dorfhexe Finkenwerders erzählt, einer alten hutzligen Frau, die nur bei Dunkelheit durch das Dorf und die angrenzenden Wälder huscht und vor der sich die Kinder fürchten. Sie beschreibt eine glückliche Kindheit in der ehemaligen DDR – mit Pioniergeist, Dorffesten und Familienglück. Doch nach dem Tod ihres Vaters wendet sich das Blatt dramatisch, in der Trauer um ihren Mann erkrankt die Mutter schwer. Die damals 16-jährige ist überfordert, sodass Onkel und Tante zu ihnen ziehen, um sie zu unterstützen. Doch der Preis für diese Hilfe ist hoch – fast jede Nacht steigt der Onkel zu ihr ins Bett und missbraucht sie. Aus Angst und Scham schweigt sie. Als sie Ferdinand kennenlernt, einen Berliner und angeblichen Kaufmann, der vor kurzem ins Dorf gezogen ist und um ihre Hand anhält, hofft sie, mit ihm ein neues Leben beginnen zu können. Ferdinand jedoch erweist sich als ausgeprägter sadistischer Psychopath und ihr neues Leben dadurch als unvorstellbare Hölle.

Ein Meisterwerk – atemberaubender, präziser und formvollendeter wie dieses Buch kann ein Thriller kaum sein. Meine Hochachtung…

Ps. Während ich dieses Buch lese, ist der neue Fitzek – Das Paket eingetroffen, mich beschleicht wahrlich die Skepsis, ob er dieses bereits 2012 erschienene Buch toppen kann.

  • Thriller
  • Taschenbuch
  • 9,99 €
  • 416 Seiten
  • ISBN-13 9783548283531

Martin Krist ist das Pseudonym des erfolgreichen Autors Marcel Feige. Geboren 1971, arbeitete er als leitender Redakteur bei verschiedenen Zeitschriften und lebt seit 1998 als Schriftsteller in Berlin.